Spiekershausen als Verhandlungsort

Von Helga Haeberlin, erstmals ver├Âffentlicht 1994 in der Festschrift zum 675-j├Ąhrigen Jubil├Ąum der Gemeinde

Spiekershausen war nicht nur ein verstecktes ÔÇ×H├ĄnflingsnestÔÇť und abgelegenes Bauern- und Fischerd├Ârfchen, sondern mehrfach ber├╝hrt vom Hauch der gro├čen Welt. ├ťber die Jahrhunderte zogen sich immer wieder f├╝rstliche Hoheiten hierher in das Grenzgebiet zwischen Hannover und Hessen zur├╝ck, um miteinander Dinge zu er├Ârtern, die diese F├╝rstenhauser besch├Ąftigten:

1482 trafen sich Mechthild von W├╝rftemberg, Gemahlin Landgraf Ludwigs II., d. Freim├╝tigen, von Hessen (gest. 1471) und Herzog Wilhelm II., d. J├╝ngere, von Braunschweig (gest. 1503), um die Verlobung ihres Sohnes Wilhelm I., d. ├älteren, mit seiner Tochter Anna Elisabeth festzusetzen. Im Schloss zu M├╝nden ÔÇ×wurde das Beilager am Sonntage Estomihi (17. Febr.) 1488 mit au├čerordentlicher Pracht vollzogenÔÇť.

1498 fand eine weitere Zusammenkunft f├╝rstlicher Hoheiten in Spiekershausen statt zwischen Herzog Erich I., d. ├älteren, von Braunschweig-Calenberg (gest. 1540, Bruder von obiger Anna Elisabeth), Herzog Heinrich, d. ├älteren, von Braunschweig-Wolfenb├╝ttel (beide sind Br├╝der) einerseits und Landgraf Wilhelm II. von Hessen andererseits. Es war zu heftigen, ja sogar kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen, angezettelt durch den rankes├╝chtigen braunschweigischen Kanzler Stoffmahl. Grund war der Streit um Lehns- und Landeshoheiten. Selbst die Bande der Verwandtschaft zwischen beiden f├╝rstlichen H├Ąusern sowie die gemeinsame Freundschaft zu Kaiser Maximilian, dem ÔÇ×letzten RitterÔÇť, vermochten den Ausbruch der Fehde nicht zu verhindern. Als Herzog Erich erkannte, dass er absichtlichen Betr├╝gereien seines Kanzlers aufgesessen war, hatten Pl├╝nderungen und Verw├╝stungen auf beiden Seiten bereits ihre Opfer gefordert. Stoffmahl war so raffiniert, dass er den mangelnden Grund f├╝r eine braunschweigische Angriffposition durch ÔÇ×spitze Deduktion aus dem r├Âmischen Recht zu ersetzen suchteÔÇť und damit den Herzog in einen Kampf mit dem befreundeten und verschw├Ągerten hessischen F├╝rstenhaus verwickelt hatte. Herzog Erich f├╝hlte sich hintergangen, lie├č Stoffmahl des absichtlichen Betruges ├╝berf├╝hren und zu Wolfenb├╝ttel hinrichten.

1500 trafen sich die beiden F├╝rsten, Landgraf Wilhelm II. von Hessen und Herzog Erich I. von Braunschweig erneut in unserem D├Ârfchen an der Fulda, wobei Abt Hermannvon Corvey den Vermittler spielte. Es ging um Grenzstreitigkeiten, Fischerei- und Schifffahrtsfragen sowie erneut um Meinungsverschiedenheiten ├╝ber die Lehnshoheit in der Herrschaft Plesse.

Als Hintergrundinformation m├Âchte ich auszugsweise aus einem Aufsatz von Bruno Jacob zitieren, der Anfang der 30er Jahre in den M├╝ndener Nachrichten erschienen ist:

ÔÇ×Beeintr├Ąchtigung des Fischertrages in hessischen Gew├Ąssern durch das M├╝ndener Stapelrecht.
 
Herzog Otto von Braunschweig, das Kind (geb. 1204, gest. 1252; Enkel Heinrichs des L├Âwen) sichert um 1247 neben anderen Freiheiten und Rechten der Stadt Hannoversch M├╝nden das Stapelrecht zu. Auf lange Zeit hin hat die Stadt M├╝nden ihr Stapelrecht zum Schaden des Kasseler und des hessischen Handels ausge├╝bt dergestalt, dass der hessische Handel erst den Zug des Weserstromes weiter unterhalb erreichen konnte und der Schiffsverkehr von und nach Kassel immer behindert war. Durch Jahrhunderte zieht sich eine versteckte oder offene Feindschaft zwischen Kassel und M├╝nden, die manchmal zu offenem Kampf oder T├Ątlichkeiten aufloderte!
Besonders scharf machte sich das zuerkannte Recht im Fischereiwesen des hessischen Landgrafenhofes bemerkbar: Der Salmenzug in fr├╝herer Zeit brachte bekanntlich reichen Ertrag. Der wertvolle Fisch folgte auf seinem Laichzug vornehmlich klaren Gew├Ąssern, in diesem Fall dem klaren Ederwasser, das die Weser mitf├╝hrte. Nur in beschr├Ąnktem Umfang stiegen die Lachse in der Werra empor. Den Lachsen war es ein Lebensbed├╝rfnis, die klaren und kalten Quellb├Ąche des Ederflusses f├╝r ihr Laichgesch├Ąft zu erreichen. Um nun aber die Fische auf ihrem Weg in die hessischen Gew├Ąsser aufzuhalten und am ├ťberspringen der Fuldawehre zu hindern und so den Fang f├╝r sich zu erwerben, hatte die M├╝ndener B├╝rgerschaft ihre Fuldawehre durch Aufsetzen von Reisig und Faschinen erh├Âht.
Landgraf Wilhelm II., der Mittlere, von Hessen (gest. 1509, Vater von Philipp d. Gro├čm├╝tigen) war nicht gewillt, diese Dinge noch dem Eigenwilien der M├╝ndener B├╝rger gehen zu lassen. Das hessische Gebiet reicht auf dem linken Fuldaufer bis zum Rabanerkopf, der heute die Tillyschanze tr├Ągt. Dort lagerte er mit seinem Heere, unter dessen Schutz Handwerker, Fischer und Schiffer die Aufbauten beseitigten und zugleich eine Durchfahrt f├╝r die hessische Schifffahrt brachen.
Dieser Grenzzwischenfall blieb nat├╝rlich nicht ohne diplomatische Folge, denn die M├╝ndener riefen den im Schlosse zu M├╝nden residierenden Herzog Erich I. von Braunschweig um Hilfe an. Dieser lie├č zun├Ąchst das Wehr wieder herstellen und setzte als Trutzzeichen gegen Hessen den steinernen L├Âwen an der Tanzwerderbr├╝cke (ob er dort heute noch trutzt?). Erst im 19. Jahrhundert wurde die Sonderstellung M├╝ndens aufgrund der Vereinbarung des Wiener Kongresses (1814/15) ├╝ber den deutschen Stromverkehr aufgehoben. Die 22 Zollstatten an der Weser verschwanden, und eine einheitliche Schifffahrtsabgabe trat an deren Stelle. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts erwog man in Kurhessen, einen von M├╝ndener Schikanen befreiten Weserhafen f├╝r Kassel bei dem hessischen Marktflecken Veckerhagen anzulegen.ÔÇť

Um 1526 zur Zeit der Reformation hatte Philipp der Gro├čm├╝tige, Landgraf von Hessen (gest. 1562), eine Begegnung in Spiekershausen mit Herzog Heinrich, d. J├╝ngeren von Braunschweig-Wolfenb├╝ttel (gest. 1568), die aber den Krieg zwischen beiden F├╝rsten nicht verhindern konnte. Herzog Heinrich widersetzte sich sehr der Reformation in seinem Lande und wurde 1542 durch ein B├╝ndnis von Sachsen, Hessen, Braunschweig und Goslor aus seinem Lande verjagt, in dem daraufhin die Reformation eingef├╝hrt worden ist.

Von einem weniger hochherrschaftlichen Streit im Grenzgebiet um Spiekershausen wird am 23.5.1935 berichtet in einem Schulaufsatz aus der Zeit des Lehrers Br├╝mmer:

ÔÇ×Am Ausgang des Enkeberges steht eine Buche, die den Namen ÔÇ×Sergeantenbuche'ÔÇťhatte. Man erz├Ąhlt: Einst stritten sich an dieser Stelle ein Hesse und ein Hannoveraner. Der Hesse, im Range eines Sergeanten, musste sein Leben lassen. Er wurde dort beerdigt, aber sp├Ąter wieder ausgegraben. Zu Ehren des Gefallenen wurde eine Buche gepflanzt, die bis heute noch zu sehen ist. Es wird erz├Ąhlt, dass jede Nacht von Mitternacht bis 1 Uhr ein Leichenzug an der Buche vorbeizieht. ...ÔÇť