Siedlung an alter StraßenfĂŒhrung

Von Helga Haeberlin, erstmals veröffentlicht 1994 in der Festschrift zum 675-jÀhrigen JubilÀum der Gemeinde

Karte von 1710

Kurhannoversche Landesaufnahme 1783

Um die frĂŒhere Bedeutung unseres Dorfes, ja sein strategisches Gewicht, zu erfassen, mĂŒssen wir den Blick weit zurĂŒck richten, wie es Kurt Mötzing in seinem Aufsatz in den Hessischen Heimatheften getan hat:

„In frĂŒheren Zeiten waren die TĂ€ler der FlĂŒsse in der Regel fĂŒr den Verkehr wenig geeignet. Wohl bildeten sie die Leitlinie, bestimmten die Richtung; denn die geringe Breite und Versumpfung des Talgrundes, der Wechsel von Enge und Weite, die Steilheit und Höhe der UfergehĂ€nge waren in hohem Maße hinderlich fĂŒr Verkehrswege. Die damaligen Verkehrswege waren daher Höhenstraßen.“

GegenĂŒber auf dem linken Fuldaufer hinter den Höhen des Enkeberges liegt das Dorf Wolfsanger (812 urkundlich erwĂ€hnt als vulvisanger),damals durchaus bedeutender als Kassel und ein strategischer Etappenort schon fĂŒr Karl den Großen in seinem 30-jĂ€hrigen Kampf gegen die Sachsen; hier siedelte Karl der Große frĂ€nkische und sĂ€chsische Edelinge an, und von hier aus erfolgte auch die GrĂŒndung der Dörfer Escherode und Benterode.

Von Wolfsanger aus sollte - in grob nördlicher Richtung verlaufend - die Heerstraße nach Kreuzung mit der Fulda bald wieder die HöhenzĂŒge des Kaufunger Waldes erreichen; und so bot sich eben ganz natĂŒrlich an, das Naturhindernis Fulda schon kurz hinter Wolfsanger in der Furt bei Spiekershausen zu ĂŒberwinden.

Der Straßenverlauf ist heute nur noch schwer zu erfassen, da Rodungen und Verkoppelungen das Landschaftsbild stark verĂ€ndert haben. Die alte Heerstraße erreichte jedenfalls von Wolfsanger aus kommend in Serpentinen die heutige Fuldastraße an dem Parkplatz, der mit einem Gedenkstein an den Bau derselben in den Jahren 1924/30 erinnert, kreuzt sie und fĂŒhrt dann zu der Stelle, wo sich ehedem die Furt befand. An dieser Stelle ist das im mittleren Sandstein eingetiefte Fuldatal so eng, dass linksseitig keine Siedlung möglich war; nur ein Wachthaus stand dort (siehe Niveaukarte des KurfĂŒrstentums Hessen Nr. 16 von 1859), wahrend gegenĂŒber auf einem Schuttkegel und weniger steilen Lösshang sich das kleine Dörfchen Spiekershausen entwickeln konnte.

Zu der Furt findet man in einer Akte von 1616 (A. Herbst, Die alten Heer- und Handelsstraßen SĂŒdhannovers):

„und es auch daselbst eine Vördt undt Fehre durch undt vber die Fulda hatt, dadurch der wandernde Mann zu Fuß ross undt Wagen/: wenn er seinen Weg nicht gern auf Kassel zunehmen will/: kohmen undt Kassei zur Seiten liegen lassen kann.“

Adelheid Schlaefke dazu in ihrer Examensarbeit von 1950:

„Die Enge des Tales bietet dem Querverkehr im Gegensatz zu den Höhenwegen, der es kreuzt, Vorteile, die zeitweilig eine erhöhte Bedeutung gehabt haben. Es zeigt sich hier eine auffĂ€llige Benutzung der ÜbergĂ€nge ĂŒber den Fluss in einer Zeit, die noch die Stellen an den FlĂŒssen aufsuchen musste, an denen fester Boden zu beiden Seiten möglichst nahe am Wasser fĂŒr den Übergang FĂ€hren und BrĂŒcken unnötig machte. Der Anstieg zum Rande der HochflĂ€chen durch NebentĂ€ler wird erleichtert. Die BĂ€che dieser NebentĂ€ler fĂŒhren zu GeröllanhĂ€ufungen im Hauptflussbett und engen dieses noch mehr ein bzw. lassen einen flachen Oberweg, eine Furt, entstehen.“

An dieser seichten Stelle der Fulda befand sich ein leichter hölzerner Steg, teilweise dammartig mit KnĂŒppel- oder ReisigbĂŒndeln unterlegt, damit man auch bei stĂ€rkerer WasserfĂŒhrung trockenen Fusses oder mit trockenem Handelsgut auf den Wagen das andere Ufer erreichen konnte. Dieses Hochwasser und Eisgang schutzlos ausgesetzte provisorische Bauwerk wurde damals als spike oder spekige bezeichnet, was der ersten Ansiedlung an dieser Stelle auf dem rechten Flussufer dann ihren Namen gegeben hat. Ist die Furt ĂŒberquert, fĂ€hrt die alte Heerstraße - anfangs noch ziemlich steil, bald aber dann allmĂ€hlicher ansteigend - in nordöstlicher Richtung auf die HochflĂ€che um Landwehrhagen.

 

Heute ist Spiekershausen von Wolfsanger aus nicht mehr durch eine Furt zu erreichen, und auch die FĂ€hre gehört der Vergangenheit an; wer an der Stelle der alten Furt Spiekershausen besuchen möchte, muss sich schon einem Schiff der „Weißen Flotte“ anvertrauen, die in den Sommermonaten unsere Region besucht und zahlreiche GĂ€ste von Kassel nach „hĂŒben und drĂŒben“ bringt: drĂŒben ist auf den Mauern des einstigen Wachthauses die „Graue Katze“ entstanden, daneben der Rote Kater - heute unter demselben Gastronomen ein beliebtes Ausflugsrestaurant mit angeschlossenem Hotelbetrieb. Das „Waldschlösschen“ - zwei SteinwĂŒrfe links flussabwĂ€rts - ist umgestaltet und nicht mehr dem Fremdenverkehr zugĂ€ngig; aber dafĂŒr bietet Spiekershausen selbst inzwischen auch eigene beliebte Gastronomie, erreichbar zu Fuß, zu Rad und zu Schiff, wenn man das Auto daheim lassen will.

ZurĂŒck zu den Straßen:

Heute fĂŒhrt von Kassel ĂŒber Sandershausen rechts der Fulda unterhalb des Steilhangs des auslaufenden KaufungerWaldes eine 1909 gebaute schmale Straße. Sie wurde im Zusammenhang mit der Flussregulierung ausgebaut und wird seitdem durch einen begehrten, vielbesuchten Fahrrad- und Fußweg begleitet. Nach Überschreiten der Landesgrenze ins NiedersĂ€chsische (am Wandersteinsbach beim heutigen Fußballplatz) windet sich die Straße als Kreisstraße 214 durch den Ort und gelangt, ĂŒber den MĂŒhlenkopftunnel der neuen Schnellbahntrasse Hannover-WĂŒrzburg in Serpentinen ansteigend, nach Landwehrhagen.

Sie ist dadurch beachtlich lĂ€nger als die direkte Verbindung von Spiekershausen nach Landwehrhagen durch die so genannte Höhle, die als Kommunalstraße in ihrem vernachlĂ€ssigten Zustand mit Schlaglöchern, holprigem Belag und mangelhaften Bankettbefestigungen lebhaft an eine alte Heerstraße erinnert. Ob sie es war?