Die “alten” SpiekershĂ€user Familien (Seite 1/3)

Von Rolf Grimm, erstmals veröffentlicht 1994 in der Festschrift zum 675-jÀhrigen JubilÀum der Gemeinde

Wer sind die alten und Ă€ltesten Familien, die aus Spiekershausen stammen und die heute hier noch leben ? Auf welchen GrundstĂŒcken wohnten sie frĂŒher ?

Sind es die Familien “Winneknecht”, deren Name als Windeknecht erstmals 1800 am TĂŒrsturz des damals erneuerten MĂŒhlengebĂ€udes auftaucht ?  Oder sind es Familien, die ihren Namen seit langer Zeit in Spiekershausen ununterbrochen fĂŒhren ?

Es sind dieses die Familien (erstmalige Nennung in Klammern)

Spohr (1418/1726), Grimm, (1642), SchĂŒtze (1667), Bein (1707) und Böttcher (1707).

Durch eine in Abschrift vorliegende Urkunde nachweisbar, besteht die Familien“tradition” Winneknecht lĂ€nger, denn die von dem aus Wahnhausen nach einem Hochwasserschaden ĂŒbergesiedelten MĂŒller Georg GrobengieĂĄer 1515 gegrĂŒndete SpiekershĂ€user MĂŒhle befindet sich seit diesem Datum im Eigentum der Familie.

Mehrfach ist die MĂŒhle nicht vom Vater auf den Ă€ltesten Sohn vererbt worden, weil es diesen entweder nicht gab oder weil er gestorben war. Somit war der Familienname, aber auch nur der, “ausgestorben”. Die MĂŒhle erhielt die Tochter bzw. der Schwiegersohn, der mit dem “neuen” Namen eine “eigene” Familientradition begrĂŒndete. “Ausgestorben” war damit die Familie des vormaligen MĂŒllers aber nicht. Die verwitwete MĂŒllerin Schröder, die wohl in erster Ehe kinderlos geblieben war oder deren Kinder verstarben, “erheiratete” in zweiter Ehe den “neuen” Namen Albrecht. Der Erbe Windeknecht/Winneknecht fĂŒhrte 1800 die Familientradition fort.

Als ErbmĂŒller in Spiekershausen sind aufgrund dieser UmstĂ€nde genannt die Namen Grob(p)engießer (MĂŒhle Wahnhausen), Christman (MĂŒhle Dahlheim), Schröder (MĂŒhle Schocketal), Albrecht (MĂŒhle Knickhagen) und Windeknecht (MĂŒhle Speele).

Es ist meines Erachtens ein oft wiederholter “Fehler”, das Alter einer Familie nur nach dem Namen des Mannes bestimmen zu wollen.

So ist es zum Beispiel denkbar, dass die Familien Grimm lĂ€nger als “die Winneknechts” in Spiekershausen gewohnt haben, denn der “Ahn-Herr” aller SpiekershĂ€user Grimms, Andreas Grimm, besaß 1643 Haus, Land und Vieh. Ihm gehörte die zweitgrĂ¶ĂŸte Hofstelle; zugleich war er der FĂ€hrmann.

Da das Land in unserem Raum erst ab 1834 nach Ablösung des Zehnt-Zinses im Eigentum der Bauern stand und somit “frei” verkauft werden durfte, hat Andreas Grimm, der in keiner Liste vor 1643 genannt ist, in Spiekershausen eingeheiratet, wahrscheinlich in die Familie des Andreas König, des Caspar Bardold oder des Hans Renken, deren Familiennamen zu diesem Zeitpunkt enden. Sein Hof muss sich unter den ersten neun des alten Dorfes befunden haben (wahrscheinlich heute Hauptstraße 14+16); die HĂ€user der “spĂ€teren” Grimms wurden erst um 1720 (Eberleinstr.5) und 1756 (gegenĂŒber der Kirche, heute Garagen) erbaut.

Es ist also möglich, dass die Familie, in welche Andreas einheiratete, ĂŒber seine Ehefrau schon viel frĂŒher, d.h. in der ersten SpiekershĂ€user Steuerliste von 1418 genannt wird. So hat es das Beispiel Grobengießer-Winneknecht gezeigt.

Was fĂŒr die Familie Grimm möglich ist, trifft auch fĂŒr die oben genannten SpiekershĂ€user Familien Spohr (1557 Wahnhausen 2x, Speele 2x), SchĂŒtze (1557 Wahnhausen, Nienhagen, Lutterberg), Bein und Böttcher, welche durch die natĂŒrliche Erbfolge vor 1833 Haus, Hof und Land hatten, sowie auch fĂŒr alle Familien, welche mit den hier genannten verwandt sind, in gleichem Maße zu.

Bei Spohr ist besonders interessant, dass die Hofstelle zwar 1418 (spore) und um 1450, jedoch dann erst wieder 1726 in Spiekershausen genannt ist. 1557 gibt es die Familie Spohr in Wahnhausen und Speele je zweimal. Es scheint sicher, dass die “SpiekershĂ€user Tradition” dort fortgesetzt wurde und dann von dort zurĂŒckkam.

Außer den heute noch vorhandenen sechs alten Familien hat es in Spiekershausen frĂŒher richtige “Clans” gegeben, welche sich, bezogen auf den Namen des Hofstellenbesitzers, oft ĂŒber Jahrhunderte “gehalten” haben und dann fĂ€lschlicherweise als “ausgestorben” genannt werden.

Es sind dieses (Jahr der erst- und letztmaligen ErwÀhnung in den Erhebungen):

Keiser (1418-1655), Pieleman (1418-1751), Reincke/Renken (1418-1632), Grobengießer((1515) 1585-1667), Fesel (1516-1613), Herbort (1557-1855), Ruthen (1585-1692), Röpell (1604-1643), Köster (1604-1692), Engelhard (1632-1692), Rippe (1632-1751), Christman (1667-1726), Beumler (1726-1910) und Rinke (1775-1875) und Laubach (1836-1875).

Die Frage, wer sind die Ă€lteren Familien, wĂ€re eindeutig zu beantworten, wenn man aus Urkunden wĂŒsste, in welche SpiekershĂ€user Familie die zugereisten “Ahn-Herren” eingeheiratet haben.

Dieses wĂ€re grundsĂ€tzlich durch Einsicht in das Heirats- und Taufregister der KirchenbĂŒcher festzustellen. FĂŒr die Pfarrgemeinden Landwehrhagen, Uschlag, Lutterberg, Speele, Escherode, Benterode und Wahnhausen, das bis 1831 zum Obergericht gehörte, liegen die KirchenbĂŒcher mit Eintragungen ab etwa 1640 vor.

Ausgerechnet fĂŒr Spiekershausen ist das erste Kirchenbuch nicht zu finden. Auch ist es nicht zusammen mit den anderen mikroverfilmt worden. Das Landeskirchliche Archiv in Hannover bezweifelt mit Schreiben vom 13.9.1991, dass es ĂŒberhaupt existiert hat. Ich behaupte, dass es vorhanden gewesen ist, sonst mĂŒssten die vielen Eintragungen, die fĂŒr die anderen Pfarreien sehr genau gefĂŒhrt wurden, fĂŒr Spiekershausen in das Kirchenbuch Landwehrhagen aufgenommen worden sein. In diesem gibt es jedoch zu jener Zeit keine Namen von SpiekershĂ€usern. Zudem hat mir 1989 die Gattin des Herrn Pastor Oberdiek versichert, dass ihr vor rd. 55 Jahren bei der Erstellung der sog. “Ariernachweise” aufgefallen wĂ€re, wenn das SpiekershĂ€user Buch gefehlt hĂ€tte. Antragsteller hĂ€tten sich in EinzelfĂ€llen die StammbĂ€ume bis zum 30-jĂ€hrigen Krieg heraussuchen lassen. Adelheid Schlaefke (verh. Lenz) versicherte mir telefonisch, dass sie 1950 bei der Erstellung der Dorfchronik Spiekershausen das erste Kirchenbuch nicht verwendet hat. Auch Robert Gertler benutzte offensichtlich das “alte” Kirchenbuch fĂŒr seine SpiekershĂ€user Dorfchronik ebenfalls nicht.

WĂ€hrend es in den anderen Orten von Staufenberg möglich ist, die StammbĂ€ume ĂŒber die Heiraten auch mĂŒtterlicherseits bis zum Ende des 30-jĂ€hrigen Krieges und ĂŒber die Sterbedaten, bei denen oft das Alter der Verstorbenen sowie die Todesursache festgehalten wurden, bis in den Zeitraum um 1600 zurĂŒckzuverfolgen, geht dieses in Spiekershausen nicht.

Die Kirchenbucheintragungen fĂŒr Spiekershausen beginnen leider erst 1768 mit dem zweiten Kirchenbuch. Erfasst sind dort Geburten, Taufen, Heiraten (mit Angabe der Eltern und Paten) und SterbefĂ€lle sowie Tag der Beerdigung. FĂŒr die hier vorliegende Ausarbeitung habe ich jedoch die von mir im Kirchenbuchamt aus der Mikroverfilmung abgelichteten Daten ab 1768 nicht verwendet, da ich vor allem an dem Zeitraum vor 1770, also der Zeit der “alten” SpiekershĂ€user Familien, besonders interessiert bin.

Weil das erste Kirchenbuch fehlt, musste ich ersatzweise andere Quellen verwenden. Dieses sind hauptsĂ€chlich: Einzelurkunden, Steuerlisten und Mannschaftslisten, Forst- und Jagdregister, ab 1750 Brandkassenkataster, VolkszĂ€hlungen und das Flurkataster mit GrundbĂŒchern. FĂŒr die FrĂŒhzeit wĂ€ren auch archĂ€ologische Funde von Bedeutung, soweit sie auf Personen schließen lassen.

In den Steuerlisten (fĂŒr Staufenberg ab 1418) sind in der Regel die Hofstelleninhaber, oft in einer GrĂ¶ĂŸenstaffelung (z.B. Ackerlude, Kötterer), sowie Land und Vieh eingetragen. Bei den Kopfsteuererhebungen ist die Zahl der Personen, gegliedert nach Mann, Frau, Kindern mit einem bestimmten steuerpflichtigen Alter, angegeben, zusĂ€tzlich manchmal der Beruf bzw. Nebenberuf.

In den Mannschaftsregistern oder Musterungsrollen ist meist der WehrtĂŒchtigste des Hofes, ggf. dessen Alter, sowie die von ihm zu beschaffende Bewaffnung eingetragen (z.B.1585: Langrohr, Kurzrohr, Federspieß, Hellebarde, Degen, Axt usw.). Dazu kommen Listen fĂŒr Sondersteuern (MĂŒhlen, Braulizenzen, Wirte, Pferde, Weidetiere, HĂŒhner usw.).

Diese Erhebungen liegen in einer ĂŒberraschenden FĂŒlle vor.

Steuerliste 1418

Steuerliste 1557

Steuerliste 1643