Die Schule (Seite 1/2)

Von Helga Haeberlin, erstmals veröffentlicht 1994 in der Festschrift zum 675-jÀhrigen JubilÀum der Gemeinde

Die Schule von Spiekershausen war nicht irgendeine Dorfschule, sondern sie achtete dank vorzĂŒglicher, verantwortungsbewusster Lehrer, MĂ€nner mit Herz und Verstand, mit Vaterlandsliebe und Sittenstrenge auf Ausbildung und Bildung der ihr anvertrauten Jugend. Die Geschichte der Schule erzĂ€hlt uns die Schulchronik, die seit dem Lehrer Heinrich Hegenberg um 1878 in einem handlichen BĂŒchlein im DIN-A-5 Format gefĂŒhrt, in schwunghaften Lettern aus dem Schul- und Dorfleben berichtet. Über AlltĂ€gliches und Besonderes, Erfreuliches und Trauriges, Vergangenes und KĂŒnftiges. Besondere ErwĂ€hnung verdient der seit Dezember 1883 amtierende Lehrer Heinrich E. Wehrbein, dem wir bis zum Jahre 1927 eine ausfĂŒhrliche Fortsetzung der Chronik zu verdanken haben.

Bild: Schulklasse Wehrbein 1895

Ich kann an dieser Stelle nur wenige AuszĂŒge bringen, aber sie werden den stolzen Eindruck einer guten Schule vermitteln. Fangen wir mit der Schulentwicklung'aus der Feder Hegenbergs an:

 â€žIn frĂŒheren Jahren mussten die schulpflichtigen Kinder von Spiekershausen nach Landwehrhagen zur Schule. Da aber der Weg nach dort (und namentlich im Winter) nicht der beste ist, so sah man sich genötigt eine eigene Schule hier zu bauen; auch trug das Wachsen der schulpflichtigen Kinderzahl viel zur Erbauung der Schule bei, die dann anno 1835 fertig wurde. Mit dem Schuldienste wurde zugleich der Organisten- und KĂŒsterdienst verbunden.
Als erster Lehrer an dieser neuen Schule versah Theodor Hartmann seine Dienste bis zum Jahre 1840, als dann derselbe noch Uschlag hin versetzt wurde. Ihm folgte Lehrer Heinrich Kast. Derselbe war geboren am 11. Juni 1818, erlangte seine Ausbildung im Seminar zu Hannover. Er wurde nach Absolvierung seiner Studienzeit zuerst in Spiekershausen mit 50 Thaler = 150 Mark angestellt, versah seine Ämter bis zum Jahre 1876, in welchem er zum ewigen Leben abberufen wurde.
Da nach dem Tode des letztgenannten Lehrers die hiesige Schule ein Jahr hindurch unbesetzt blieb, so vikarierten an derselben die Lehrer Fredershausen aus Landwehrhagen und KĂŒmmel aus Benterode, bis dieselbe im Herbst 1877 wieder besetzt wurde durch einen PrĂ€paranden Habenicht. Derselbe versah seine Ämter bis zum Herbste 1878, als dann die Stelle wieder vakant wurde.
Das Consistorium besetzte dieselbe durch den Lehrer Heinrich Hegenberg. Derselbe wurde geboren am 26. Februar 1855 zu Bochum. ... Als ich (Hegenberg) diese Stelle ĂŒbernahm, fand ich sowohl das Schulhaus, wie auch die Jugend vernachlĂ€ssigt. Kinder, die zu Ostern entlassen werden sollten, konnten kaum oder gar nicht einmal lesen, so dass ich mit großen Schwierigkeiten zu kĂ€mpfen hatte.
Da jedoch die Zahl der schulpflichtigen Kinder im Durchschnitt nur 30 betrĂ€gt (augenblicklich, 1880, sind es 27 in der Klasse), so ist es dem Lehrer hier, so er in der Arbeit an seiner eigenen Bildung und dem Unterrichte der Kinder Liebe ĂŒbt und die rechte Treue beweiset, so sehr schwierig nicht, seine ihm anvertraute Jugend an sich heraufwachsen zu sehen in aller Erkenntnis und Tugend. Und aus solcher Jugend baut sich das Volk immer mehr auf zu einem Volke voll Erkenntnis und Gerechtigkeit, die ein Volk erhöhet in Haus, Gemeinde, Kirche und Staat.“

Auch ĂŒber die SchĂŒler wird genau Buch gefĂŒhrt mit Zugang/Abgang und Bestand. Sehen wir uns die Namen der Schulkinder 1881 an - mancher wird seine Vorfahren wiederfinden:

            1. Minna Böttcher            10. August Grimm                 19. Louise Rinke
            2. Minna Rinke                 11. Peter HĂ€de                      20. Georg SchĂŒtze
            3. Elise Böttcher              12. Ida Kast                           21. Elise SchĂŒtze
            4. Auguste Buchheim        13. Wilhelm KĂŒhne               22. Ottilie Steinmacher
            5. Louise Grimm              14. Wilhelmine KĂŒhne           23. Fritz Steinmacher
            6. Conrad Grimm            15. Hermann Penshonn         24. Georg Winneknecht
            7. Georg Grimm               16. Elisise Böttcher                25. Marie Winneknecht
            8. Friedrich Gimpel          17. Louise Grimm                  26. Carl Pechstein
            9. Heinrich Grimm            18. Lisette Rinke                   27. August Böttcher

Spiekershausen - ein Bauerndorf! Geschlossen musste die Jugend zu gewissen Zeiten in der Landwirtschaft helfen - es gab Ferien! Nehmen wir einen Auszug aus 1881:

„Kartoffelhacke-Ferien waren vom Sonnabend,25.Juni incl.Sonntag,3.Juli 1881,also 8 Tage. Am Montag den 18. Juli begannen die Ernte-Ferien und endeten am 2. August incl., also 17 Tage. Die Kartoffelernte-Ferien begannen am Sonntag, 25. Sept. und endeten am Mittwoch, 12. Oktober 1881, also 17 Tage.
 
Übersicht ĂŒber die Ferien
 
Ostern                          11 Tage
Kartoffelhacken            8 Tage
Johannis                      17 Tage
Michaelis                     18 Tage
Weihnachten                 9 Tage
Summa                         63 Tage = 9 Wochen“

Neben den Ferien spielen die Krankheitszeiten eine große Rolle, wobei hĂ€ufig die gesamte Klasse einer Epidemie oder der Gefahr einer solchen ausgesetzt war:

„Am 5. November 1883 bis 18. musste der Unterricht ausgesetzt werden wegen Ausbruchs des Scharlachfiebers.
Herr Pastor Grußendorf schrieb mir wie folgt: Herr Dr. Schwarzkopf erachtet es fĂŒr nötig, voererst 14 Tage lang die Schule auszusetzen und hat dies auf dem königlichen Amte schon angezeigt. Sie mĂŒssen deshalb 14 Tage lang die Schule aussetzen, also ist morgen frĂŒh keine Schule. In Eile mit freundlichem Gruß ihr C. Grußendorf, Pastor“

Dazu gehört dann auch aus 1889

„Am 16. Juli begannen die Sommerferien des ausgebrochenen Typhus halber. Am 29. Juli begann die Schule wieder. An Typhus waren nur erkrankt Adolf SchĂŒtze, Meta Winneknecht und Heinrich Wehrbein. ...
Der Typhusepidemie halber wurde am 18. August die Schule geschlossen.”

Und schließlich aus 1889, wo wiederum Typhus ausbricht, und zwar,„durch das schlechte Wasser in Caspar SchĂ€fers Brunnen - derselbe wurde amtlich verschlossen“: auch hier eine Ausbreitung der Epidemie, so dass die Schule im August fĂŒr gut 14 Tage geschlossen werden muß. Über Masern, Influenza und Diphterie finden sich immer wieder Ă€hnliche Vermerke.

Nun zu Eintragungen des Lehrers unter der Rubrik Zucht und Ordnung in Spiekershausen:

„Am 21.Juli (1887) fiel der Unterrichtaus, da ich als Zeuge aufs Schöffengericht geladen war. Es wurden 8 junge MĂ€nner, die am Himmelfahrtstage in Spiekershausen den Gottesdienst gestört hatten durch ihr lĂ€rmendes Wesen vor der Kirche etc., zu 14 Tagen resp. 8 Tagen GefĂ€ngnis verurteilt.“
 
„Am 20.Oktober wurde der SchĂŒler Wilhelm Hilke aus dem Roten Kater in Wolfsanger, der die hiesige Schule besuchte, seines groben Ungehorsams und seines rohen Wesens wegen aus hiesiger Schule entlassen und der Schule zu Wolfsanger ĂŒberwiesen. Trotzdem Hilke (Vater) sich bemĂŒhte, durch falsche Aussagen und Behauptungen betreffend Umschulung nach hier, wurde er gezwungen, seinen ungeratenen Sohn, den er auch noch bestĂ€rkte in Ungehorsam, ... nach Wolfsanger zu schicken.“

Respekt des Dorfschullehrers vor der Obrigkeit lÀsst die folgende Notiz - auch aus dem Jahre 1887 - erkennen:

„Am 4. Juli nachmittags war in Spiekershausen Schulvisitation. Anwesend waren Seine HochwĂŒrden Herr Superintendent Schumann, HedemĂŒnden, Herr Pastor Grußendorf, Landwehrhagen, die Kirchen- und.Schulvorsteher H. SchĂŒtze, Bauermeister, Herr Spohr, Ackermann und Gemeindevorsteher, H. HĂ€de, Arbeiter. Es wurden Thema genommen aus Bibl. Geschichte, Singen (relig. Gesang), Deutsch (Lesen), Rechnen, Singen (Lieder). In Religion und Rechnen hatten sich einige SchĂŒler und SchĂŒlerinnen so ausgezeichnet, dass ihnen das Lob Sr. HochwĂŒrden, Herrn Superintendenten Schumann zu teil wurde.“

Das Dreikaiserjahr 1888 brachte mehrfache Gelegenheit des Beweises monarchischer Gesinnung auch in unserem Ort, wie folgendes Memo der Chronik zeigt:

„Am 9. MĂ€rz 88 starb Kaiser und König Wilhelm I. Das königl. Landesconsistorium erließ folgende Bekanntmachung.:
Es hat GOTT DEM HERRN ĂŒber LEBEN und TOD gefallen, Se.MajestĂ€t den Kaiser und König Wilhelm, unsern allergnĂ€digsten Herrn, am heutigen Tage 8 1/2 Uhr morgens aus diesem Erdenleben abzuberufen: SĂ€mtliche Geistliche veranlassen wir hierdurch, am Sonntag, Judice, den 18. d. Monats, die Gemeinde nach der Predigt von der Kanzel mit entsprechenden Worten auf den Heimgang des ehrwĂŒrdigen Herrschers hinzuweisen und dann eine Danksagung folgen zu lassen. ... In GemĂ€ĂŸheit der ergangenen Bestimmungen ist mit dem TrauergelĂ€ute in sĂ€mtlichen Kirchen sofort zu beginnen und 14 Tage lang tĂ€glich in der Zeit zwischen 12 und 1 Uhr mittags fortzufahren ...“

Dasselbe Jahr 1888 bescherte bekanntlich bald eine Wiederholung des traurigen Ereignisses

„Am 15. Juni 1888, 12 Uhr 15 Minuten, wurde nach Gottes unerforschlichem Ratschluss unser lieber Kaiser und König Friedrich von seinem Leiden durch einen sanften Tod von dieser Zeitlichkeit abberufen. Die Beisetzung erfolgt am Montag, d. 18. Juni zu Charlottenburg in der Friedenskirche.
In Spiekershausen wurde seit Sonnabend, den 16. Juni, gelĂ€utet, und zwar 14 Tage lang.“

Beredtes Zeugnis hoher Achtung vor der Monarchie legt auch ein Bericht ĂŒber den Kaiserbesuch in Kassel-Wilhelmshöhe mit Einquartierung des Prinzen Heinrich in der Schule von Niederzwehren am 11./12. Sept. 1891 ab. Der Zapfenstreich auf dem Friedrichsplatz mit „1200 Musikern“ und Zeichen der „Leutseligkeit“ des Prinzen gegenĂŒber den Lehrern in Niederzwehren finden lebhaften Niederschlag in unserer Chronik.

Sogar „Wetterberichte“ gibt es, so z. B. fĂŒr 1894

„ln der Nacht vom 30. Juni zum 1.Juli war ein sehr starkes Gewitter in hiesiger Gegend. Von Cassel nach Grebenstein war alles verhagelt. Ein Orcan zerstörte wiederAnlagen auf Wilhelmshöhe und Schloss Wilhelmsthal - 300 der schönsten Buchen im Habichtswalde wurden aus der Erde gerissen. 100 Pappeln. Die elektrische Beleuchtung auf Wilhelmshöhe ward zerstört und anderes.
In Spiekershausen regnete es 114 Stunde. Schon seit Wochen hat es hier nicht geregnet.“

Und schon fĂŒr 1882 war berichtet worden

„Am Sonnabend, 25. November 1882, stieg das Wasser der Fulda zu einer solchen Höhe, wie es hiesige Einwohner seit dem Jahre 1842 nicht mehr erlebt hatten. Grimms Saal und KĂŒhnens Haus standen vollstĂ€ndig im Wasser. Dieses reichte bis an den Steg, der bei der alten Linde ĂŒber den sog. KrĂŒckenbach fĂŒhrt ...
Am 25. November fehlten wegen Hochwassers
 
1. Georg Winneknecht
2. Maria Winneknecht
3. Wilhelm Hilke
4. Ottilie Steinmacher
5. Fritz Steinmacher
6. Peter HĂ€de
7. Heinrich Grimm von Kragenhof
Wilhelm, Wilhelmine und Elise Kohne mussten wegen des Hochwassers ein Schiff benutzen, um aus ihrem Hause auf den Weg, der zur Schule fĂŒhrt, zu gelangen.“

Weiter berichtet die Chronik:

„Am 1. August 1895 wurde die Fuldaschifffahrt eröffnet. VorlĂ€ufig befĂ€hrt ein Personendampfer die Fulda, vom 1. August 1896 werden 2 die Fulda von Cassel bis Spiekershausen tĂ€glich mehrere Male fahren.“

1898 findet sich - wieder aus dem außerschulischem Bereich - folgende Notiz

„Am 15. September wurde in hiesiger Kirche das von Professor Eberlein, einem geborenen SpiekershĂ€user, geschenkte Kruzifix ĂŒbergeben. Herr Eberlein mit Frau Schwester waren zugegen. Herr Architekt Gruber aus Hannover, ein Freund Eberleins, ĂŒbergab das Denkmal in warmen Worten, in welchen er auf die hier verlebte Jugend und das arbeitsame Leben des Professors hinwies. Lehrer Wehrbein ĂŒbernahm seitens der Kirchengemeinde dankend das herrliche wertvolle Geschenk.“

Die beengten rĂ€umlichen VerhĂ€ltnisse in der Schule - ein immer wiederkehrendes Thema - , der Tod des Landwehrhager Pastors Grußendorf am 8. Mai 1901, ein einschneidendes Ereingis in dem großartigen VerhĂ€ltnis des Lehrers zu „seinem“ Pfarrer - alles GegenstĂ€nde der Schulchronik, die immer wieder Engagement unseres Lehres mit Herz und Seele erkennen lĂ€sst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwei Seiten aus der alten Schulchronik mit Eintragungen der Lehrer Hegenberg und Wehrbein von 1883