Das Schmuggelnest - Kaffekrieg

Von Helga Haeberlin, erstmals veröffentlicht 1994 in der Festschrift zum 675-jÀhrigen JubilÀum der Gemeinde

Aus Zeitungsartikeln der 20er-Jahre, die ich im „Sammelbuch fĂŒr die Orts- und Schulchronik“ des Lehrers BrĂŒmmer fand, lĂ€sst sich ein anschaulicher Einblick in die Zeit des Schmuggels in unserem Dörfchen gewinnen.

Es geht um den Kaffee. Wir wissen ihn heute zu schĂ€tzen, wissen aber nicht, welche Probleme bestanden, ehe der Kaffee seinen Einzug halten konnte. Die Beschaffung von Kaffee belastete das Nationalvermögen, denn er musste mit mĂŒhsam verdienten Devisen und mit sehr hohen Transportkosten aus fernen LĂ€ndern herbeigeschafft werden. Dazu kam der Gesichtspunkt frĂŒherer Ärzte, die ihm eine gesundheitsschĂ€digende Wirkung nachsagten. Das Interessante ist nun, dass Hannover - von 1714 - 1837 in Personalunion mit England regiert - leichter und billiger an Waren aus Übersee gelangte, so auch an den Kaffee, der vereinzelt bereits im Jahre 1582 in Europa Einzug gehalten hatte.

DemgegenĂŒber hatte solche Quelle der Kaffeebeschaffung das konservative Hessen nicht. Landgraf Karl (1677 -1730) erließ, um dem um sich greifenden Luxus zu steuern, 1707 die nachstehend wiedergegebene Verordnung:

„Festung Cassel, den 24. Oktober 1707. Zu Unserem Mißfallen haben Wir zeither wahrgenommen, daß der Luxum in Unsern Landen, und bei denen darin befindlichen Einwohnern, tĂ€glich erwachse, dahero Wir, umb solchem einiger Masen zu begegnen, veranlassende Waaren und consumpribilia, mit deren Gebrauche es vornehmlich zum Mißbrauch zu kommen scheinen will, einigen wiewohl erleidligen Licent zu setzen, und zwar sollen bezahlt werden von jedem Thaler, wofĂŒr selbige verkauft werden: von ThĂ©e, CaffĂ©, Schnupftabak und fein Indianisch Porcelin Guth, - 5 Alb. 4 Hell –„

Wenn Landgraf Karl zunĂ€chst den Erwerb solcher ĂŒberseeischen LuxusgĂŒter nur mit einer Abgabe belastete, so war sein Enkel, Friedrich II., Landgraf von Hessen (1760 - 1785), in verstĂ€rktem Maße nicht willens, „diesem landesverderblichen Unwesen“ lĂ€nger zuzusehen. Am 28. Januar 1766 kam es daher zur ersten Verordnung gegen das Kaffeetrinken.

Das Auf und Ab von Verboten, milderen Bestimmungen und erneuten verschĂ€rften Verordnungen im Kampf gegen diesen vermeintlichen Feind der Sitten und der Gesundheit dauerte Jahrzehnte. Man hat sich noch lange erzĂ€hlt „von den Wallfahrten“, die Kasseler BĂŒrger in das auf dem anderen, rechten Fuldaufer gelegenen hannöverschen „auslandischen“ Dörfchen Spiekershausen unternahmen, wo sie - den als „Kaffeeriechern“ verschrieenen Zollbeamten zum Trotz! - ungestört den aromatischen Modetrunk schlĂŒrfen konnten. Am 28. Januar 1766 kam es daherzur erwĂ€hnten Ersten Verordnung gegen das Kaffeetrinken in Hessen. Alle auf dem Lande eingerichteten Kaffeeschenken und KrĂ€mereien wurden verboten, der Kaffeevorrat musste binnen drei Monaten fortgeschafft sein, erneuter Handel war untersagt und unter Strafe gestellt. Juden gingen ihres Schutzes verlustig, wenn sie das Verbot ĂŒbertraten. Die Untertanen wurden sogar gezwungen, sich von ihrem Kaffeegeschirr zu trennen und es zu verkaufen. Die Obrigkeit wurde angewiesen zu prĂŒfen, ob der erlaubte Kaffeegenuss in geringen Grenzen blieb und „bei verspĂŒrendem Missbrauch die Uebertreter nach Befinden“ zu bestrafen. Eine besondere Ermahnung erging an die HausvĂ€ter und -mĂŒtter, auch den WĂ€scherinnen und BĂŒglerinnen keinen Kaffee zu reichen. „Das meynen Wir ernstlich“, verkĂŒndete der Landgraf, aber seine Untertanen meinten es anders.

Die Bedeutung Spiekershausens als Schmuggelnest wĂ€chst. Die hessisch-hannöversche Grenze zog sich vom Sanderhauser Berg aus dem sog. „Grenzsteinnest“ heraus durch eine enge Schlucht hinab zur Fulda zum „Zulehnerschen Steinbruch“ bis zum „Wannensteiner Wehr“ (beim heutigen Sportplatz des TSK). Noch heute fĂŒhrt der „Schmugglerpfad“ - ein gern gegangener Wanderweg - durch die steilen AuslĂ€ufer des Kaufunger Waldes, der frĂŒher hier mit seinem schier undurchdringlichen Dickicht Schutz vor Entdeckung bot.

Ein bronzenes SchmuggelmĂ€nnchen mit einem dicken Sack auf dem RĂŒcken erinnert an die abenteuerlichen nĂ€chtlichen SchleichgĂ€nge derer, die auf die kleinen Bohnen nicht verzichten wollten, oder die sich von dem Verkauf derselben im Hessischen ein bescheidenes Zubrot erhofften. Bei solchem Tun hat auch Johannes Josephus Eberlein, der als GrenzwĂ€chter in Spiekershausen eingesetzt war, auf einem Kontrollgang ein „dralles frisches BauernmĂ€dchen“ beim Schmuggeln erwischt, das er am 18. Mai 1845 in zweiter Ehe heiratete, und das sehr bald Mutter unseres berĂŒhmten Gustav Heinrich Eberlein wurde.

Der „Krieg“ indessen ging weiter. Am 15. MĂ€rz 1770 kam ein Gesetz heraus, das die erste Verordnung aufhob: „Nachdem aber die bisherige Erfahrung gezeigt, dass diesem Verbote nicht der GebĂŒhr nachgelebet und mit gehörigem Ernst nicht darĂŒber gehalten worden...“, wollte der Landgraf auf anderem Wege zum gewĂŒnschten Ziel kommen. Er legte auf jedes Pfund Kaffee „mit Ausnahme des Levantinischen“ zwei gute Groschen „lmpost“, also Steuer. Aber auch diese Maßnahme brachte nicht den gewĂŒnschten Erfolg. Die Kaffeetrinker zahlten die zwei guten Groschen und tranken dafĂŒr den Kaffee etwas dĂŒnner. Am 11. MĂ€rz 1773 ließ der Landgraf sich wiederum vernehmen:

„Erneute und geschĂ€rfte Verordnung gegen das Kaffeetrinken: Nachdem Wir zu Unserm großen Mißfallen sehen mĂŒssen, daß der von unsern getreuen Unterthanen ĂŒberall, insbesondere aber auf dem Lande seit einiger Zeit getriebene Mißbrauch mit dem CafĂ©... noch stĂ€rker einreißen ... der BĂŒrger und Landmann in seiner Arbeit aufgehalten, ja öfters von den Seinigen zu Hause, wenn Er abwesend ist, heimlicher Weise verthan wird, was Er sich mit saurer MĂŒhe zu erwerben bemĂŒhet, auch ĂŒberdies vieles Geld unnötiger Weise aus dem Lande geschleppt wird ...“,

wird nun verboten, an „gemeine Unterthanen“ Kaffee zu verkaufen, „auch nicht einmal an die Hof-Laquais, noch andere geringe Hofbedienten ..., weder an Unteroffiziere noch gemeine, es sei Loth- oder Pfundweise“. Derjenige aber, der das Verbot ĂŒbertrat, sei es Frau oder Mann, solle „von seiner Obrigkeit sofort zum Wegebau oder anderer öffentlicher Arbeit“ verurteilt werden. Niemand kann sich von dieser Arbeit durch Gestellung einer Ersatzperson „losmachen“. Es wird auch auf den „mit viel Zeitverlust betriebenen Unfug des CafĂ©-Trinkens“ hingewiesen und endlich wiederum an das Verbot fĂŒr die Waschfrauen erinnert. 10 Reichstaler Strafe wurden fĂŒr die Hausfrau angesetzt, die ihrer BĂŒglerin Kaffee verabfolgte. Auch die Trennung vom Kaffeegeschirr wurde erneut befohlen. Die Behörden erhielten Anweisungen, recht oft Haussuchungen durchzufĂŒhren, um dem Verbot Wirksamkeit zu verleihen. Wiederum aber blieben die Ausnahmen fĂŒr die Honorationen bestehen, der Kaffeepreis wurde allerdings durch eine Abgabe in Höhe der HĂ€lfte des Verkaufspreises heraufgesetzt. In Anweisungen der Polizei heißt es, dass dem Denunzianten eines „Contraventionsfalles“ der vierte Teil der vom Angezeigten zu zahlenden Geldstrafe als Belohnung zu geben sei; die KaffebschnĂŒffler hatten also gute Tage. Der Kaffee jedoch war stĂ€rker als jedes Ge-oderVerbot. Am 5. April 1775 erging daher ein „geschĂ€rftes Edict“ wegen „strĂ€cklicher Beobachtung der CaffĂ©- und Chocoladeordnung“. Es bedrohte jeden, der dem Kaffeeverbrauch frönte, mit der sehr hohen Strafe von 100 Talern und außerdem mit entsprechender Zuchthausstrafe!

Die Schokolade, ebenfalls Einfuhrartikel in Hessen, hatte vielen Leuten als Ersatz fĂŒr den verbotenen Kaffee gedient. Aber da auch durch sie „vieles gutes Geld außer Landes verschleppt“ wurde, fiel sie ebenso unter Verbot. Den Wirten, die ja fĂŒr fremde „Passagiere“ Kaffee verabfolgen durften, wurden aber „CaffĂ©-Gelage“ streng untersagt. Die Geldstrafe wurde auf 5 und 10 Reichstaler festgesetzt und, falls die Anzeige durch einen Denunzianten erfolgte, sollte dieser das Geld bekommen.

Wieder war alles vergebens. Am 6. Juni 1776 wurde der Verkauf gebrannten und gemahlenen Kaffees unter Verbot gestellt. Wer den KaffeesĂŒchtigen Vorschub leistete, indem er „an die KrĂ€mer Scheine und Zettel nicht fĂŒr sich, sondern fĂŒr andere“ gab, die keinen Kaffee trinken durften, sollte mit 100 Reichstalern bestraft werden; das betraf insbesondere die „Eximierten“ denen der Kaffeegenuss erlaubt war und die Kaffee kaufen durften.

Am 6. Juni 1776 und am 21. Februar 1780 wurden erneut Gesetze gegen den Kaffee erlassen, die sich aber wiederum nicht durchfĂŒhren ließen. Die Resignation und das GefĂŒhl der Aussichtslosigkeit ist in den Worten des Landgrafen zu spĂŒren, wenn es heißt:

„ob wir zwar erwartet hĂ€tten, daß sĂ€mtliche Beamte und Gerichtsbarkeit habende von Adel denen von Zeit zu Zeit ergangenen CaffĂ©-Verordnungen zufolge sich eifrigst bemĂŒhen wĂŒrden, daß CaffĂ©-Trinken bey allen denen, welchen es verboten ist, abzustellen: So mĂŒssen Wir doch misfĂ€lligst wahrnehmen, daß noch in vielen Dorfschaften, wie auch in den StĂ€dten, denen es nicht verstattet worden, auf eine den Beamten nicht unbekannte Weise CaffĂ© ohne Scheu getruncken und CrĂ€merey getrieben wird.“

Das sollte zwar eine Erinnerung an das Verbot sein, klang aber doch eher als RĂŒckzugssignal, und tatsĂ€chlich wurde es auch als solches gewertet. Das Kaffeegeschirr klapperte so lustig Wie nie zuvor. Landgraf Friedrich starb, ohne den Kaffeekrieg gewonnen zu haben. Sein Sohn, Landgraf Wilhelm IX. (1785 - 1821; seit 1803 KurfĂŒrst Wilhelm I.) versuchte in die Fußtapfen des Vaters zu treten, aber auch seine erneut erlassenen Verbote standen mehr denn je nur auf dem Papier.

Am 14. Dezember 1792 erlÀsst er folgenden Aufruf:

„Wir Wilhelm der Neunte, Landgrafzu Hessen, thun kund und bekennen hiermit:Obwohl Unseres in Gott ruhenden Vaters Gnaden aus landesvĂ€terlicher FĂŒrsorgefĂŒr das Wohl Dero Unterthanen bemĂŒht gewesen sind, durch mehrere Verordnungendem ĂŒbermĂ€ĂŸigen Gebrauch des KqffeesEinhalt zu Thun, unter anderem alle KaffekrĂ€mereyen auf den Dörfern verboten, so haben Wir doch mißfĂ€llig wahrnehmenmĂŒssen, daß diese Verordnungen zeither nicht nur nicht befolgt worden sind, sondern daß vielmehr der Gebrauch dieses dem Wohlstande Unserer Unterthanen so nachteiligen GetrĂ€nks jetzt stĂ€rker als jemals zuvor eingerissen ist.“

Es folgt Verwarnung, Strafandrohung, evtl. Konfiskation der Ware. Er gab eine Liste der zum Kaffeeverbrauch zugelassenen StĂ€dte und Ortschaften heraus, in denen Kaffee in gemahlenen oder gebrannten Zustand bei 10 Talern Strafe nicht verkauftwerden durfte, dahingegen ungebrannter in Mengen von nicht unter ein Pfund. 5 Reichstaler Strafe sollten diejenigen zahlen, die sich zum Erwerb eines Pfundes der begehrten Bohnen zusammen taten, weil es fĂŒr eine Person zu teuer war. HĂ€ndler auf dem Land versuchten, diese Verordnung dadurch zu umgehen, indem sie von den Bauern kein bares Geld, sondern Naturalien in Tausch nahmen. Dadurch leisteten sie dem unerlaubten Kauf von Kaffee Vorschub, was wiederum eine Strafandrohung zur Folge hatte.

Ein letztes Mal, 1799, war das Kaffeeverbot Gegenstand einer Verordnung in Hessen, aber der Kaffee war Sieger in einem fast ein Jahrhundert dauernden Krieg. Um 1850 verstummten die Gegner des Kaffeegenusses gĂ€nzlich. Der starke Alkoholverbrauch, diese verderbliche Unsitte der europĂ€ischen Völker, von der Friedrich der Große einst sagte: „Ich wĂŒnschte, das das giftige garstige Zeug nicht da wĂ€re und getrunken wĂŒrde“, hatte durch die EinfĂŒhrung des Kaffees eine wesentliche EinschrĂ€nkung erfahren. Wachtposten waren nun hĂŒben wie drĂŒben nicht mehr nötig. Das Zollhaus auf kurhessischer Seite wurde zu einer Gastwirtschaft, der spĂ€teren „Grauen Katze“ umgebaut.