Die MĂŒhle

Von Helga Haeberlin, erstmals veröffentlicht 1994 in der Festschrift zum 675-jÀhrigen JubilÀum der Gemeinde

Neben der Kirche ist die Mehl- und ÖlmĂŒhle Winneknecht das Ă€lteste Haus in Spiekershausen. Wenn sie auch nicht schon seit 1515 an ihrer jetzigen Stelle stand, so hat sie schon existiert. Lesen wir die folgende handschriftliche Abschrift eines Vermerks des Ältesten aus der Winneknecht-Dynastie:

In „NiedersĂ€chsische MĂŒhlengeschichte“ wird obige Urkunde wie folgt fortgesetzt:

„...Von weiteren MĂŒllern dieser Familie konnten ermittelt werden: Heinrich Winneknecht bis 1883, Christian Winneknecht bis 1917, Richard Winneknecht bis 1946 und jetzt (1964) dessen Sohn Robert. Die mit Turbine arbeitende MĂŒhle hatte frĂŒher ein großes unterschlĂ€chtiges Wasserrad. Die Einrichtung besteht aus drei DoppelwalzenstĂŒhlen und Schrotgang ... „

A. Schlaefke unter „Die Entwicklung des Dorfes um 1515“:

„Die Erbauung der MĂŒhle und neue umfassende Rodungsarbeiten konnten nicht ohne Folge fĂŒr die Entwicklung des Dorfes bleiben. Der MĂŒhlenbau erforderte eine erhebliche Menge von Bausteinen. Er kann der Anlass zum Erschluss weiterer SteinbrĂŒche gewesen sein. Die Urbarmachung des Bodens zur Anlage neuer Acker war eine Arbeit von Jahren.
Die MĂŒhle war nicht nur Mehl- sondern auch ÖlmĂŒhle und Schnapsbrennerei. Auf eine ehemalige Brennerei weist dervermauerte Gewölbebogen in einem rĂŒckwartigen GebĂ€ude hin, das noch heute „Auf der Brennerei“ genannt wird.
Die MĂŒhle stellte den ersten Handwerksbetrieb im Dorfe dar, der stĂ€ndig fremde Krafte beschĂ€ftigte, und derartige Verdienstmöglichkeiten brachten Leben ins Dorf .... Mit der Erbauung der Stauanlage fĂŒr die MĂŒhle ist der zweite Aalfang, das MĂŒhlenwehr entstanden. Der MĂŒhle gehörten um 1800 die Unterste Aue, ein großer Teil der Klausbreite, die Krummen StĂŒcke, die Acker Auf dem MĂŒhlenkopf und das Wilhelmsland (siehe auch „Flurnamen der Gemarkung Spiekershausen“). Dieser ehemalige Besitz der MĂŒhle war ein zusammenhĂ€ngendes Gebiet am Walde, woraus hervorgeht dass hierfĂŒr Neurodungen stattgefunden haben.“

Über die Stromerzeugung und das Ende der winneknechtschen MĂŒhle erzĂ€hlte mir kĂŒrzlich in einem ausfĂŒhrlichen GesprĂ€ch Herr Robert Winneknecht, der letzte aktive der MĂŒllerfamilie:

Die Stromerzeugung, die 1919 aus kleinsten AnfĂ€ngen, erst fĂŒr den Eigenbedarf der MĂŒhle aufgebaut wurde und spĂ€ter das ganze Dorf mit Strom versorgen sollte, wurde bis 1956 in eigener Regie der Familie Winneknecht betrieben. Es wurde Gleichstrom (220 Volt) erzeugt. Die Lichtleitungen fĂŒhrten ĂŒber gesetzte Tannenmasten ins Dorf; alles in Eigenleistung konstruiert und gebaut. Der damalige MĂŒhlenbesitzer Richard Winneknecht fand in seinem aus dem 1.Weltkrieg zurĂŒckgekehrten Vetter Willy Winneknecht einen technikbegeisterten begabten jungen Mann, der mit Enthusiasmus an den Aufbau des Stromnetzes in Spiekershausen ging. Ihm ist es vor allem zu verdanken, dass Spiekershausen als eines der ersten Dörfer im Landkreis MĂŒnden flĂ€chendeckend mit Strom versorgt wurde.

Der Stromverbrauch wurde monatlich abgelesen und gleich kassiert. Eine Quittungskarte aus den 50er Jahren „Robert Winneknecht - ElektrizitĂ€tswerk Spiekershausen“ fĂŒr Arnold Kaiser befindet sich in meinem Archiv. Dort kann man nachlesen.

4.2.1950 - Verbrauch 29 kwh = 3,48 DM + LeitungsgebĂŒhr = 2,40 DM
4.5.1951 - Verbrauch 15 kwh = 1,80 DM + LeitungsgebĂŒhr = 2,40 DM

Im Winter war die Versorgung mit Strom sehr kritisch. Der Verbrauch stieg im Gegensatzzum ĂŒbrigen Jahr stark an. Die Wassermenge und die Wasserkraft dagegen wurden geringer, da in den Wintermonaten das Nadelwehr „umgelegt“ wurde und fĂŒr die Stromerzeugung eine geringere Wassermenge zur VerfĂŒgung stand. Auch Hochwasser machten die Stromerzeugung schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Im Jahre 1956 ĂŒbernahm die EAM die Stromversorgung von Spiekershausen. Das kleine Kraftwerk in der MĂŒhle wurde an das Verbundnetz der EAM angeschlossen und leistete seinen bescheidenen Beitrag zur Stromversorgung in der Region. FĂŒr die stromverbrauchenden Haushalte bedeutete der Wechsel in der Stromversorgung (jetzt auch Wechelstrom), dass sie sich mit allen elektrischen GerĂ€ten einrichten konnten, ohne befĂŒrchten zu mĂŒssen, dass ihre neuen GerĂ€te unter den vorher bestehenden Stromschwankungen zu leiden hĂ€tten. Erst im Jahre 1977 musste das Kraftwerk stillgelegt werden, bedingt durch die Kanalisierung der „Unteren Fulda“.

Der MĂŒhlenbetrieb wurde im Jahre 1962 eingestellt. Die gesamtwirtschaftliche Lage, die fĂŒr kleine MĂŒhlen keinen Platz mehr vorsah, fĂŒhrte bundesweit zu einem „MĂŒhlensterben“, dem auch die kleine FuldamĂŒhle nach 447 Jahren zum Opfer fiel. Ein MĂŒhlstein und anderes MĂŒhlenzubehör auf dem MĂŒhlenhof erinnern noch heute an die Zeiten, als an dieser Stelle fĂŒr Spiekershausen und die umliegenden Ortschaften gemahlen wurde.

Heute sind einzelne Bereiche des MĂŒhlengebĂ€udes als Wohnungen und Lager vermietet. Eine Zukunft fĂŒr das MĂŒhlengebĂ€ude ist noch nicht zu sehen.

 

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