Die Kirche (Seite 1/2)

Von Helga Haeberlin, erstmals veröffentlicht 1994 in der Festschrift zum 675-jÀhrigen JubilÀum der Gemeinde

Schauen wir uns das Wappen unseres Dorfes an: Die drei goldenen BlĂ€tter des Kleeblattes sollen die drei ersten GebĂ€ude markieren, die den Durchziehenden zu Rast und Erholung fĂŒr Mensch und Tier einladen. Es waren ein Ausspann, eine Schmiede und eine Herberge, so nimmt man an; (siehe dazu auch „Flurnamen Spiekershausen“).

Zu körperlicher Erquickung gehörte - besonders in frĂŒherer Zeit - auch geistliche und seelische Einkehr. Und so könnte ich mir vorstellen, dass zusammen mit den drei ersten HĂ€usern eine kleine Kapelle entstand. Vielleicht war sie zunĂ€chst als AndachtsstĂ€tte aus Holz gebaut, und spĂ€ter errichtete man (möglicherweise in der ersten HĂ€lfte des 14. Jahrhunderts) aus Sandsteinen eine kleine massive Kapelle in gotischem Stil, in der Literatur als „Marienkapelle“ benannt; an der rechten Außenwand des jetzigen Altarraumes kann man noch ihren zugemauerten Spitzbogeneingang erkennen. Das Kirchenschiff mit seinen Umfassungsmauern aus Sandstein und dem Fachwerkaufsatz, der sich auch ĂŒber den ursprĂŒnglichen Kapellenraum ausdehnt stammt aus der Zeit um 1520.

 Bevor ich auf Einzelheiten unserer Kirche zu sprechen komme, möchte ich auf ihre Bedeutung im 17. Jahrhundert aufmerksam machen: Von 1604(?) - 1731 war den Lutheranern die Abhaltung ihres Gottesdienstes im reformierten Kassel untersagt. Sie pilgerten hierher zur Marienkapelle; (von einer Vermutung habe ich gelesen, dass dieser Umstand Grund fĂŒr eine Erweiterung der Kirche gewesen sein könnte). Nach dem Tode Landgraf Karls 1730 trat sein Sohn Friedrich I. die Nachfolge an. Er war AnhĂ€nger der lutherischen Lehre und hob 1731 das Verbot auf (Konzessionsurkunde von Landgraf Friedrich I.; seit 1720 durch Heirat König von Schweden).

 

Und nun zu den verschiedenen baulichen VerÀnderungen und der Innenausstattung der Kirche:

Eine erste Baubeschreibung fand ich im „Handbuch der Deutschen KunstdenkmĂ€ler – BegrĂŒndet vom Tag fĂŒr Denkmalpflege 1900 „von Georg Dehio. Dort heißtes unter „Spiekershausen“:

„Ev. Kirche St. Marien. Hoher Massivbau mit eingezogenem Rechteckchor, Mansarddach und verschiefertem Dachreiter. Im Kern gotisch vielleicht 1319, 1520 und spĂ€ter verĂ€ndert. Auf der SĂŒdseite Maßwerke, im vorbauten Innern Gewölbevorlagen. Steinerne Sakramentsnische mit Krabben (Steinblumen an Giebeln) und Gitter. - Schlichter Taufstein dat. 1593. Altaraufsatz von dem hier gebĂŒrtigen G. Eberlein von 1898.“

Bei einer Baubesichtigung im Jahr 1972 durch das Amt fĂŒr Bau- und Kunstpflege der Landeskirche Hannover hat eine genaue Betrachtung ergeben,

„dass die ehemalige (geplante?) Zweigeschossigkeit (!) des Schiffes zugunsten eines hohen Raumes mit Empore aufgegeben wurde. Die durch einen waagerechten KĂ€mpfer (Widerlager auf dem tragenden Gesims) unterteilten Fenster und das Fachwerkobergeschoss ĂŒber dem Chor deuten darauf hin.“

Eine Beurteilung der Bausubstanz im Jahre 1976 durch den Herrn Provinzial-Konservator Siebern aus Hannover lautet:

„Die Kirche ist fĂŒr den Kunsthistoriker höchst beachtenswert. Das Schiff stammt aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts. Nach den erhaltenen Wanddiensten zu urteilen, war eine Einwölbung geplant die dann aber nicht zur AusfĂŒhrung gekommen zu sein scheint. Der Chor, in spĂ€tgotischer Zeit angebaut war mit einem Kreuzgewölbe ĂŒberdeckt, dessen AnsĂ€tze noch sichtbar sind. Der obere Aufbau des Chores wurde erst im 18. Jahrhundert hinzugefĂŒgt und gleichzeitig das Dach des Schiffes umgestaltet sowie das TĂŒrmchen aufgesetzt.“

Mir scheint, hier hat der Verfasser verschiedentlich „Chor“ und „Schiff“ verwechset. Er schreibt weiter:

„So ist eine recht malerische Baugruppe entstanden, die durch die landschaftliche Umgebung noch einen ganz besonderen Reiz erhĂ€lt. Die Kirche steht kaum 100 Schrittvom Ufer der Fulda entfernt inmitten schöner alter Fachwerkbauten. Deshalb sollte auf die bauliche Unterhaltung mehr Sorgfalt verwandt werden, wie sonst wohl bei Dorfkirchen ĂŒblich.
Das Dach der Kirche, vordem vermutlich mit roten Pfannen gedeckt, ist im Jahre 1896 mit hĂ€sslich wirkenden schwarzlasierten Falzziegeln belegt. Bei einer Neueindeckung kehre man zu dem alten Material zurĂŒck.
Das in Eichenfachwerk hergestellte Obergeschoss des Chores wie auch der Giebel des Schiffes sind in neuerer Zeit in ganzer FlĂ€che verputzt worden (Bemerkung von mir: Auch damals hat man bei Renovierungen nicht immer alles richtig gemacht). Damit ist der wirksame Gegensatz zwischen Bruchsteinmauerwerk und dem Fachwerk mit dunklen Hölzern und weißen Zwischenfeldern aufgegeben worden und besonders der Eindruck des Choraufbaus dadurch zu massiv und schwer geworden.
Die 1899 ausgefĂŒhrte Ausmalung des Innern ist als verfehlt zu bezeichnen (ErlĂ€uterung: Wand und Decke der Krypta' waren bemalt: blau mit silbernen Sternen und SpruchbĂ€ndern; 1882).
Auch hat man nicht gut getan, den barocken Altaraufbau durch einen frei auf dem Altartisch stehenden grĂ¶ĂŸeren Cruzifixus zu ersetzen. Der alte Altaraufbau steht jetzt im Chor auf dem Fußboden, angelehnt an die Wand. Eine BeschĂ€digung ist nicht ausgeschlossen; einige GesimsstĂŒcke am Sockel haben sich schon abgelöst. Man sollte sich entschließen, den Altaraufbau an seine ursprĂŒngliche Stelle zurĂŒckzuversetzen. FĂŒr den Cruzifixus ließe sich wohl ein anderer geeigneterer Platz in der Kirche finden.“

Bis hierher die Berichte darĂŒber, wie unsere Kirche frĂŒher einmal war oder gewesen sein könnte.

„Christus am Kreuz“ von Prof. Eberlein - der Kirche seiner Kindheit im September 1898 geschenkt - ist heute noch Mittelpunkt unserer kirchlichen Andacht. Die Christusfigur sowie das Eichenkreuz wurden Ende 1991 restauriert, nachdem beides zwischenzeitlich mehrfach mit weißer Binderfarbe ĂŒberstrichen war. Die Restaurierung hat Restaurotor JĂŒrgen Diederichs, Katlenburg-Berka, ausgefĂŒhrt.

Erhard Joseph, Wibbecke, ebenfalls Restaurator und durch die Wiederherstellung zahlreicher zerschlagener Eberlein-Werke aus den Scherben, die unter den Dielen des MĂŒndener Schlosses gefunden wurden, mit Eberlein vertraut untersuchte am 19.9.1989 das Kunstwerk: „Der Corpus ist aus gebranntem Ton. Der erste Anstrich war umbra bis olivgrĂŒn, im Gewandbereich blĂ€ulich, der Zweite und Dritte weiße Binderfarbe, im Gewandbereich Goldocker lasiert. Die Glieder zeigten zahlreiche Risse; am Fuß fehlte ein Mittelzeh, an der Hand ein Ringfinger.“

Ein trauriges Resultat! Schade, dass die Figur nicht so geworden ist wie Eberlein sie ursprĂŒnglich gestaltet hat. Ob der Strahlenkranz wirklich vorhanden war, wie es Restaurator Diederichs vermutet? Und warum hat der Lendenschurz jetzt die gleiche Farbe wie der Körper? All solche Dinge entscheiden aber nicht wir, die wir in die Kirche zum Gottesdienst gehen, sondern die Herren Restauratoren, die ja ihr Handwerk gelernt haben.

UnverstĂ€ndlich ist auch, dass die 1899 entstandene Hartgipsgruppe von Eberlein „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ 1968 aus der Kirche entfernt und auf eine Schutthalde geworfen wurde! Grabungen im September 1983 waren ohne Erfolg. Etwa zwei Zentner verwitterter Scherben, die zerstörten Reste der Köpfe des Christus und eines Kindes sowie die Signatur G. Eberlein waren alles, was von diesem Kunstwerk ĂŒbrig geblieben war. Pfarrer war zu jener Zeit Pastor Itzen.

Zu denken gibt diesbezĂŒglich eine Bemerkung des Amtes fĂŒr Bau- und Kunstpflege Hannover vom 12.10.1964:

„... Hier muss nur darauf hingewiesen werden, dass die Christusstatue, die vor kĂŒrzerer Zeit aus der St. Blosiuskirche in Hannoversch MĂŒnden nach Spiekershausen ĂŒberfĂŒhrt worden ist mit ihren Maßen den Kapellenraum sprengt und sich kein Platz in der Kapelle anbietet an dem sie sinnvoll aufgestellt werden könnte.“

Ein weiteres SchmuckstĂŒck im Altarraum ist das in der hinteren Wand links sich befindende SakramentshĂ€uschen, im Inventarverzeichnis von 1895 bezeichnet als „ein kleiner vergitterter Nischenschrank als SakramentshĂ€uschen dienend; Material: Stein und Eisen; Zustand befriedigend.“

Herr Vikar Volkmar Keil beschreibt dieses, zwischenzeitlich ebenfalls weiß ĂŒbertĂŒnchte (!) Kleinod in einem KurzfĂŒhrer durch die Kirche Spiekershausen von 1985:

„Das wohl schönste Kunstwerk der Kirche ist das Sakramentshaus. Es ist wie meist ĂŒblich, als kleines Haus mit Giebel gestaltet; ĂŒber dem Giebel befinden sich Andeutungen von Blattwerk. Im Giebel selbst ist eine prachtvolle Rose dargestellt; an den Seiten der BlĂŒte drei BlĂ€tter. Die ausgearbeitete und kunstvoll gestaltete BlĂŒte gehört zu einem Typus, der die Vorlage zur Lutherrose abgegeben hat. Man muss sich dabei nur die beiden inneren BlĂŒtenblattreihen durch das Herz und das Kreuz ersetzt denken.“

Der Taufstein besteht aus einem achteckigen Sandsteinbecken auf einem SandsteinsĂ€ulenfuß. Er trĂ€gt folgende Inschrift, „geprikket mit Buchstaben“ (= gestochen, geritzt):

 

1593                            V. E                                                  +H. S. R .

DS                               HENRICH SEDDICH                   . C G +

 

Bis heute ist unbekannt, was diese Buchstaben bedeuten und wer Henrich Seddich ist. Er war kein Spiekershauser (lt. Rolf Grimm). Wurde der Taufstein aus einer anderen Kirche hierhergebracht?

In dem Sandsteinbecken befindet sich eine alte Taufschale aus Zinn, die schon im Inventarverzeichnis von 1895 aufgefĂŒhrt ist.

Auch schon dort aufgefĂŒhrt sind die beiden Messingleuchter, „am Fuß geprikket“ wie folgt:

 

               A -D -1680 -                                      A -D - 1680

            HANS CHRIST                                    JÜRGEN

             MAN HANS                                      KRISTMAN

        CHRISTMAN DER                            ALBERTUS PIEL

         JÜNGER HABEN                            MAN HABEN DIES

         DIES VEREHRET                                 VEREHRET

 

Zu den genannten Personen sagen drei Listen etwas aus (lt. Rolf Grimm):

1. Mannschaftsliste 1681:
- JĂŒrgen Christman, KrĂŒger (1882 Greve)
- Hans Christmann sen., MĂŒller
- Hans Christman jun.
- Albert Pieleman (Familie seit 1418 im Dorf)
 
2. Steuerliste 1685:
- Hans Christman, ErbmĂŒller
- Hans Christman Witwe
- JĂŒrgen Christman, Greve und KrĂŒger
- Albert Pielemann, 2. Ortsvorsteher
 
3. Kopfsteuerbeschreibung der FĂŒrstentĂŒmer Calenberg-Göttingen und Grubenhagen von 1689:
- KrĂŒger JĂŒrgen Christman (18 Mg.; 1 Th. und vom Krug 1 Th. 18 Gr.) Anmerkung: Er war 1678 + 1689 KrĂŒger und 1682 und 1629 Greve
- MĂŒller Hans Christman, Mahl- und Schlaggang (3 Th.)
- Hans Christman Witwe (6 Mg.; 18 G.) Hans Christman ist 1684 gestorben.
- Albert Pieleman (12 Mg.; 1 Th.). 1685 2. Ortsvorsteher

Hans Christman und Hans Christman jun. waren die Besitzer der MĂŒhle, JĂŒrgen Christman und Albert Pieleman die reichsten Bauern des Dorfes. Leider sind die Leuchter in einem sehr zerbrechlichen Zustand, so dass ein Blankputzen nicht mehr gewagt werden kann.

Die Renaissance-Kanzel aus dem Jahre 1630 war vor dem letzten Umbau der Kirche mehrfach mit weißer Farbe ĂŒberstrichen und doppelt so hoch angebracht wie gegenwĂ€rtig. Im MĂ€rz 1975 wurde empfohlen, die dicken Lackfarben zu entfernen, damit die Profile und Schnitzereien besser zur Geltung kommen. DieAufschrift in vergoldeten erhabenen Lettern lautet.

 

ICH HANS FETMILCH HABE DISEN STUL ZU GODES EHREN GEGEBEN

1630

 

Hans Fetmilch war 1632 BĂŒrgermeister in Spiekershausen.

Die Velegung der Kanzel auf die Höhe des Altarpodestes und die neue Farbgebung sind eine gelungene und erfreuliche VerÀnderung.

An den WĂ€nden des Kirchenschiffs fallen 6 ÖlgemĂ€lde auf. Sie stammen von einer inzwischen verstorbenen SpiekershĂ€userin, Frau von Wolff: „Die Bilder sollen Freude und stille Einkehr fĂŒr jeden bewirken. Sie sind in einer Zeit entstanden, in der ich selbst viel durchzumachen hatte ...“ und stellen dar: „Beweinung“, „Madonna“, „Das Kreuz am Berge“, „Gethsemane“,“Der sinkende Petrus“ und „Die Bekehrung des Saulus“.

Am Beginn desTreppenaufgangs zum Obergeschoss hĂ€ngt ein Bild in einem mattgoldenen Gipsrahmen, das den Gekreuzigten darstellt und 1822 gestochen wurde, und zwar von Enzing-MĂŒller nach einem Gemalde von Albrecht DĂŒrer. Es trĂ€gt die Unterschrift: „Es ist vollbracht“ (Inventarverzeichnis von 1895).

In diesem Zusammenhang möchte ich ein weiteres Bildwerk erwĂ€hnen.- Eine große Gedenktafel zur Erinnerung an die Gefallenen des 1. Weltkrieges mit bildnerischer Darstellung einer Gruppe am Kreuz ist auf einem Foto, um 1930 entstanden, noch deutlich an der Wand hinter dem Altar hĂ€ngend zu erkennen. Der Verbleib dieser Tafel ist unbekannt. Ob sie durch Kriegseinwirkung verloren ging?

Auch der Gefallenen des 2. Weltkrieges sollte in der Kirche sichtbar gedacht werden. Am 10. Mai 1955 schrieb die Gemeindeverwaltung an Pastor Itzen:

„Sehr geehrter Herr Pastor!
Der Einwohner August Thiele lÀsst der Gemeinde ein an Sie gerichtetes Schreiben in Abschrift zugehen, das ich nachfolgend wiedergebe:
Im Einvernehmen mit den Hinterbliebenen der im 2. Weltkrieg Gefallenen der Gemeinde Spiekershausen stelle ich hiermit den Antrag, die Namen der Gefallenen auf einer Tafel in der Kirche aufzufĂŒhren. Mag auch die Anbringung einer Tafel durch die unruhigen ZeitverhĂ€ltnisse noch dem Kriege verzögert worden sein, so ist heute jedoch kein Grund mehr vorhanden, diese ethische Pflicht zu erfĂŒllen. Sie haben ihren Tod nicht leichtsinnig und frivol gesucht und erlitten, sondern sie mussten willenlos gehorsam ihr junges Leben einer fanatischen Obrigkeit opfern. Die Kirche ihrer Heimat ist fĂŒr die Gefallenen der richtige Ort, ihr Andenken in der Heimat in dauernder Erinnerung zu halten.
Ich darf Sie, Herr Pastor, bitten, den Antrag des Herrn Thiele dem Kirchenvorstand zur Besprechung und Entscheidung vor-zulegen. Meines Erachtens stellt der Antrag Thiele eine Forderung dar, die gerade von der Kirchengemeinde weder zurĂŒckgewiesen noch zurĂŒckgestellt werden darf.“

Dem Antrag ist offenbar nicht entsprochen worden. Obwohl der Opfer beider Weltkriege auf der Tafel des im November 1936 eingeweihten Ehrenmals gedacht und alljÀhrlich ein Fackelzug mit Gedenkfeier veranstaltet wird, bleibt bedauerlich, dass uns nicht auch in der Kirche ihre Namen begegnen.