Die Fulda (Seite 1/2)

Von Helga Haeberlin, erstmals veröffentlicht 1994 in der Festschrift zum 675-jÀhrigen JubilÀum der Gemeinde

Spiekershausen an der Fulda auf einer Postkarte um die Jahrhundertwende

Die Fulda ist die Lebensader unserer Region und prĂ€gt die Lage unseres Dorfes als „Naherholungsgebiet vor den Toren der Großstadt Kassel“. Sie erfreut den Wanderer und Radler gleichermaßen, sei er SpiekershĂ€user oder zu Gast hier. Sie trĂ€gt große und kleine Schiffe, verwandelt sich im Winter manchmal in eine EisflĂ€che; sie ist lieblich romantisch, stĂŒrmisch, ja sogar in frĂŒheren Zeiten war sie gefĂ€hrlich und lebensbedrohend, wie verschiedene Hochwassermarken noch bezeugen können.

Die Schifffahrt vergangener Jahrhunderte, Planungen der Landgrafen zur Erleichterung derselben und BemĂŒhungen unserer heute aktiven Behörden haben sich immer wieder mit der Fulda beschĂ€ftigt.

Das Archiv des Wasser- und Schifffahrtsamtes Hannoversch MĂŒnden hat mir freundlicherweise zur Geschichte und Entwicklung dieser Wasserstraße bis hin zum letzten großen Stau viele Einblicke gegeben, die hier - zumindest auszugsweise - nicht fehlen sollten.

Ein geschichtlicher RĂŒckblick beschreibt die Fuldaschifffahrt bis 1893:

„Die Fulda hat, wie die meisten deutschen FlĂŒsse, schon von jeher als Schifffahrtsstraße gedient. Besonders war es der von und zur Stadt Kassel als Haupt- und Residenzstadt der Hessischen Landgrafen und KurfĂŒrsten sich entwickelnde Verkehr, dessen TrĂ€ger bis ins 19. Jahrhundert hinein die Fuldaschifffahrt gewesen ist. Ein wesentliches und oft umstrittenes Hindernis in diesem Verkehrsablauf war das im Jahre 1247 der Stadt MĂŒnden verliehene Stapelrecht, nach dem alle Fahrzeuge, die durch MĂŒnden kamen, ihre Ladung dort zum Kauf und Verkauf auslegen mussten und so MĂŒnden zum Nachteil von Kassel, zur blĂŒhenden Handelsstadt des Mittelalters machten. Viele langandauernde Prozesse um das MĂŒndener Stapelrecht sind von den Hessischen Landgrafen gefĂŒhrt worden, jedoch ohne nachhaltige Erfolge. Bekannt geworden ist auch der von Landgraf Karl von 1710 unternommene Versuch, zur Umgehung MĂŒndens einen Schifffahrtskanal von der damals als Hugenottensiedlung errichteten Stadt Karlshafen ĂŒber das Diemel- und Essetal nach Kassel zu bauen (der sog. Diemel-Plan), eine Maßnahme, die nur im Diemeltal streckenweise ausgefĂŒhrt wurde und mit dem Tode des Landgrafen endete. Der Schiffsverkehr auf der Fulda, wie auch der Oberweserverkehr, wurde dann fast eingestellt, als zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Halle-Casseler-Eisenbahn erbaut wurde und dadurch völlig neue, fĂŒr die Schifffahrt nicht mehr konkurrenzfĂ€hige VerkehrsverhĂ€ltnisse geschaffen wurden.“

Eine Beschreibung des damaligen Schiffsverkehrs auf der oberen Fulda zwischen Bebra – Rotenburg - Kassel möchte ich nicht vorenthalten, da ich mir vorstellen kann, dass sich auf der unteren Fulda bei Spiekershausen das gleiche Bild bot:

„Die Schiffe hatten damals meist eine LĂ€nge von 20 - 24 m und waren nur 1,30 bis 1,50 m breit. An Aufbauten gab es ein Vorder- und ein Hinterkastell zum Übernachten der Schiffer. Die Fuldaschiffe konnten 250 - 350 Zentner laden, waren mit zwei bis drei Mann besetzt und verfĂŒgten ĂŒber Segel und Mast.

Stromab ging es meist mit eigener Kraft. Wo die Strömung nicht stark genug war, beispielsweise vor den Durchlassen bzw. Schleusen, mussten die Schiffer staken, d. h. das Schiff mit langen eisenbeschuhten Stangen am Grunde abstoßen und vorwĂ€rtsschieben. Erlaubte es der Wind, so wurde vom Segel Gebrauch gemacht. Wenn die Schiffe auf SandbĂ€nken und sonstigen Untiefen hĂ€ngen blieben, mussten die Schiffsknechte ins Wasser und schieben.

Stromauf war die Sache schwieriger. Hier wurden die Schiffe von ein oder zwei Pferden an langen Leinen gezogen. Die Gespanne gingen hierbei am Ufer auf dem Treidelpfad. Er war meist befestigt und verlief, je nach GelĂ€ndeverhaltnissen, am rechten oder linken Ufer entlang. Beim Seitenwechsel gingen die Pferde kurzerhand durch das Wasser. Im Winter wurden sie im Schiff auf die andere Seite befördert. Die Gespanne fĂŒr die landgrĂ€flichen Schiffe mussten in der Regel die anliegenden Dörfer stellen.“

Dass auch in unserem Fuldabereich getreidelt wurde, beweist der gegenĂŒber auf hessischer Seite gelegene Treidel- oder Leinpfad.

In diesem Zusammenhang möchte ich eine Begebenheit erwĂ€hnen, aus dem Sammelbuch fĂŒr die Orts- und Schul-Chronik des Lehrers BrĂŒmmer. Gemeindevorstand SchĂŒtze gibt am 10.4.1932 folgende Schilderung:

„JĂ©rĂŽme NapolĂ©on per Schiff besucht Spiekershausen. Die Spiekershauser Ehrendamen ĂŒberreichen Blumen. DafĂŒr erhalten sie 70 Thaler, die zur Anschaffung der Kirchenglocke Verwendung fanden.“

 

Über den Ausbau und die Fuldakanalisierung in den Jahren 1893 bis 1895 wird in den Archivakten weiter berichtet:

„Die Geschichte des Diemel-Planes ist auch die ErklĂ€rung dafĂŒr, dass die wirtschaftlich viel wichtigere Strecke der unteren Fulda von Kassel bis MĂŒnden nicht fĂŒr die Schifffahrt ausgebaut wurde. Bis zum Erlöschen des Stapelrechts 1866, als das Königreich Hannover in Preußen aufging, hat das feindselige VerhĂ€ltnis zwischen MĂŒnden und Kassel bzw. zwischen Hannover und Hessen einen Ausbau verhindert.

Etwa um dieselbe Zeit, in der der Kampf um den Mittellandkanal in seine entscheidende Phase trat, regten sich auch Interessen fĂŒr die Kanalisierung der unteren Fulda. MĂŒnden sollte kĂŒnftig nicht Endpunkt der Weserschifffahrt sein, sondern die zehnmal grĂ¶ĂŸere Stadt Kassel.

Die Staustufen in MĂŒnden, Bonaforth, Wilhelmshausen, Speele, Kragenhof, Spiekershausen und Wolfsanger wurden zwischen 1893 und 1897 gebaut. Der Aufstau des Wasser erfolgte durch Nadelwehre, nur bei MĂŒnden erfolgte der Stau durch zwei schon von alters her vorhandene feste Wehre.

Die Schleusen erhielten nutzbare Langen von 60 m und lichte Breiten von 8,60 m. Schon bald stellte sich aber heraus, dass die 60-m-Schleusen fĂŒr die meisten der immer grĂ¶ĂŸer werdenden Binnenschiffe zu klein waren und die Nadelwehre schwere betriebliche Mangel bei Hochwasser und Eisgang hatten.“

Eine nutzbare Wasserstraße fĂŒr Handel und Verkehr wurde unsere Fulda nun leider (oder Gott sei Dank) nicht. Die Furten in Höhe der Grauen Katze einerseits sowie in Höhe der MĂŒhle andererseits verschwanden. Daher wird als Ersatz neben der Personenfahre bei der Grauen Katze vom Königlichen Wasserbauamt bei km 89,6 in Höhe der MĂŒhle eine PrahmfĂ€hre eingerichtet. Der Betrieb dieser Lasten- und WagenfĂ€hre wird vom RegierungsprĂ€sidenten zu Cassel mit Schreiben an den „Bauermeister, Herrn H. SchĂŒtze, Wohlgeboren, Spickershausen“, unter dem 19. Juni 1895 wie folgt geregelt:

„l. Da die Durchfahrt durch das Winneknecht'sche GrundstĂŒck keine öffentliche ist und das Recht zu deren Benutzung nur einer beschrĂ€nkten Anzahl von Berechtigten zusteht, so haben auch nur diese Berechtigten Anspruch auf Beförderung durch die FĂ€hre.

2. Eine Beförderung von Personen, die nicht zu einem Fuhrwerk gehören, findet nicht statt, da sie auch frĂŒher die Furt in der Hauptfulda nicht benutzen konnten.

3. Fahrgeld wird bis auf Weiteres nicht erhoben.

4. Der Betrieb der FĂ€hre erfolgt durch den Wehr- und Schleusenmeister der Stauanlage Spickershausen und dessen GehĂŒlfen.

5. Die Tageszeit, wahrend der die FĂ€hre benutzt werden darf, ist fĂŒr das Sommerhalbjahr, vom 1. April bis 30. September, von morgens 5 Uhr bis abends 7 Uhr und fĂŒr das Winterhalbjahr vom 1.Oktoberbis31.MĂ€rz von einer halben Stunde vor Sonnenaufgang bis eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang festgesetzt.

6. FĂŒr die sichere Ein-undAusfahrt der Fuhrwerke sowie fĂŒr das ruhige Stehen derPferde wĂ€hrend des Übersetzens sind die Leiter der Fuhrwerke verantwortlich. Die auf den Fuhrwerken befindlichen Personen mĂŒssen wĂ€hrend der Überfahrt absteigen. Allen Anordnungen des FĂ€hrmannes ist Folge zu leisten.

Ich ersuche Sie ergebenst, Vorstehendes in geeigneter Weise zur Kenntnis der Berechtigten zu bringen.“

Berechtigte waren „der Betreiber der MĂŒhle in Spiekershausen sowie die Einwohner von Spiekershausen und lhringshausen zum Verkehr mit Kassel, zu landwirtschaftlichen Fuhren bzw. zum Verkehr mit der MĂŒhle und etwaigen Holzfuhren.“