Die FĂ€hre

Von Helga Haeberlin, erstmals veröffentlicht 1994 in der Festschrift zum 675-jÀhrigen JubilÀum der Gemeinde

Neben dem Übergang durch die alte Furt ĂŒber die „Spieke“ zu Fuß, mit Ross und Wagen, hat sich bald angesichts der unterschiedlichen WasserfĂŒhrung des Flusses der Nutzen einer geregelten Boots- und FĂ€hrverbindung erwiesen. Die Fuldaregulierung 1895 fĂŒhrte zu einer Anhebung des Wasserspiegels, und auch bei Hochwasser im Winter und im FrĂŒhjahr hatte es fĂŒr den FußgĂ€nger, aber auch fĂŒr den Transport von GĂŒtern deutliche Vorteile, zu Schiff den Fluss ĂŒberqueren zu können.

Neben der einfachen, durch Ruderboot versehenen FĂ€hrverbindung gab es auch den an einem Drahtseil den Wasserstrom nutzenden Bootsverkehr bis zu Booten, auf denen zwei Heuwagen Platz fanden (der sog. Prahm). Um den sich bald entwickelnden Schiffsverkehr durchzulassen, praktizierte man verschiedene Lösungen: sowohl das auf Grund liegende wie das an Masten gefĂŒhrte Drahtseil fanden Verwendung (Gierseil).

Urkundliche Belege ĂŒber das jahrhunderte alte Bestehen der Fahrverbindung finden sich kaum, auch Berichte, Bilder und verlĂ€ssliche Anhaltspunkte sind rar. So muss ich mich hierauf die Wiedergabe eines nicht gezeichneten Artikels aus den MĂŒndenschen Nachrichten vom 5. MĂ€rz 1928 beschrĂ€nken. LĂ€sst auch dieser Artikel manche Frage offen, zeigt er doch, welche Bedeutung die FĂ€hrverbindung ĂŒber lange Zeit fĂŒr Spiekershausen, aber auch fĂŒr die Gastwirte „von gegenĂŒber“ hatte: um den Zankapfel stritten sich der Gastwirt Steinmacher aus der „Grauen Katze“, der Gastwirt Hilke vom „Roten Kater“ und der Gastwirt Grimm vom „Waldschlösschen“:

„Die FĂ€hre bei Spiekershausen - Ein alter Rechtsstreit zu Gunsten von Landwehrhagen entschieden (Landwehrhagen, 5. MĂ€rz 1928)

Wer in den letzten Jahren das im schönen Fuldatale idyllisch gelegene Dörfchen Spiekershausen mit den gegenĂŒber auf hessischer Seite liegenden drei Gastwirtschaften „Graue Katze“, „Roter Kater“ und „Waldschlösschen“ zu besuchen Gelegenheit hatte, konnte eine merkwĂŒrdige Beobachtung machen. Den Verkehr zwischen dem rechten und linken Fuldaufer vermittelten dort drei FĂ€hrschiffe, von deren Besitzern zwei gegen Entgelt ihre Dienstleistungen verrichteten, nĂ€mlich die Besitzer der beiden letztgenannten VergnĂŒgungsstĂ€tten, wĂ€hrend der Dritte, der Besitzer der „Grauen Katz“e, die Überfahrt unentgeltlich bewerkstelligte und auch sein Schiff mit einer entsprechenden Aufschrift versehen hatte. Die drei hatten frĂŒher gemeinsam und zwar gegen Entgelt die Überfahrt versehen, waren jedoch hinsichtlich der AusĂŒbung des Fahrbetriebes in Meinungsverschiedenheiten geraten, und so war der geschilderte Zustand entstanden.

Um nun diesem Zustande, aus dem sich schließlich nachbarliche Freindseligkeiten entwickelten, ein Ende zu machen, strengte die Realgerneinde Landwehrhagen als Besitzerin der FĂ€hre Klage gegen den Besitzer der „Grauen Katze“ beim Landgericht Göttingen an mit dem Erfolg, dass letzterer kostenpflichtig zur Unterlassung des Anlegens an der von der Realgemeinde erbauten Treppe verurteilt wurde und seinen Fahrbetrieb einstellen musste.

Man wird sich fragen: FĂ€hre zu Spiekershausen? Realgemeinde Landwehrhagen Besitzer? Um diese Rechtslage zu verstehen, muss sich der Leser in die Zeiten des Mittelalters zurĂŒckversetzen:

Am 16. Januar 1356 ĂŒberließ Herzog Ernst der JĂŒngere von Braunschweig wieder die FĂ€hre zu Spiekershausen der Kirche St. Petri in Landwehrhagen. Die hierauf bezĂŒgliche Urkunde ist in Sudendorfs Urkundenbuch, Band 2, S. 292, aufgefĂŒhrt und hat folgenden Wortlaut:

„Wir Ernest die junger Heirtzoge to Brunswich Bekennen vor vns von vnse eruen Das wer widder gelazen haben vnsem heren sente Petir to dem Lantgrebenhayn de vere to Spikeshusen dor god. also das wer vnd vnse erben die vorgenanten veir fry vnd allir dinge ledich geuen Des gebe wir hir ouer to orkunde dussen breif mit vnsem heymelichen Ingesigele gevestent, Anno domini M CCC LVI in die Marcelli pape.“

Die FĂ€hre wurde spĂ€ter zu einem jetzt nicht mehr zu ermittelnden Zeitpunkte, welcher jedoch vor dem Jahre 1730 liegt, von der Kirche an die Realgemeinde Landwehrhagen ĂŒbertragen, die dafĂŒr eine jĂ€hrliche Pachtzu zahlen hat. Die Realgemeinde ihrerseits verpachtete die FĂ€hrgerechtsame an einen meistens in Spiekershausen wohnenden FĂ€hrmann.

In frĂŒheren Zeiten, als es noch keine Landstraßen gab, wird sich wohl der meiste Verkehr von Kassel nach MĂŒnden und umgekehrt ĂŒber Spiekershausen abgespielt haben, daher hatte die FĂ€hre eine sehr große Bedeutung. Aus dieser Bedeutung ist wohl auch das VermĂ€chtnis des Herzogs Ernst zu erklĂ€ren.

Vor etwa 20 Jahren (also 1908) ordnete die Wasserbauverwaltung an, dass die FĂ€hre, welche bisher von einem Ufer zum anderen in schrĂ€ger Richtung gefĂŒhrt hatte, eine gerade Richtung nehmen sollte. Die Realgemeinde, deren frĂŒhere Vertreter bei den Verkoppelungen der Gemeinden Wolfsanger und Spiekershausen sowie bei der Fuldaregulierung versĂ€umt hatte, das Recht auf Zuteilung und Eintragung von LandungsplĂ€tzen geltend zu machen, sah sich nun genötigt, diese zu erwerben, was auch nach lĂ€ngeren Verhandlungen gelang. Die Realgemeinde musste auf diesen Platzen auf Anordnung der Wasserbauverwaltung die jetzt dort befindlichen breiten Treppen anlegen.

Der Gastwirt Hilke, der den Platz auf der hessischen Seite unentgeltlich zur VefĂŒgung gestellt hatte, wurde nun im Jahre 1910 PĂ€chter und betrieb nach Erledigung des Rechtsstreites zwischen ihm und Steinmacher gemeinsam mit seinen beiden Nachbarn Steinmacher und Grimm die FĂ€hre bis zum Jahre 1922 auf vertraglicher Grundlage. In diesem Vertrage erkannte Steinmacher trotz vorhergegangener gerichtlicher Auseinandersetzung Hilke als alleinigen PĂ€chter an.

Im Jahre 1922 endete dieser vertragliche Zustand infolge Meinungsverschiedenheiten, und es entstand das anfangs geschilderte VerhÀltnis, dem nur durch den Spruch des Gerichts ein Ende gemacht wurde.

Wie gesagt, nur fĂŒr kurze Zeit. Denn bald setzte der Kampf von neuem ein. Anlass hierzu bot die Verpachtung eines WiesengrundstĂŒckes am hannoverschen Fuldaufer, das der „Grauen Katze“ gegenĂŒber liegt. Steinmacher pachtete dieses GrundstĂŒck zu einem sehr hohen Pachtpreis und benutzte dasselbe als Anlegeplatz fĂŒr seine FreifĂ€hre. Durch den Rechtsbeistand der Realgemeinde zur Einstellung des Fahrbetriebes aufgefordert, drohte Steinmacher durch einen Kasseler Anwalt der Realgemeinde mit der Klage bei Verweigerung des Anlegerechtes.

Die Realgemeinde antwortete Steinmacher binnen weniger Tage mit der Klagezustellung, und zwar lautete diese aufgrund des Celler Urteils vom 10. MĂ€rz 1888 auf die erneute Festlegung der Ausschließ1ichkeit des FaĂ€hrrechts auf hannoverscher Seite. Die UrteilsverkĂŒndung erfolgte am 14. Mai 1926. Der Realgemeinde wurde in diesem Urteil erneut das ausschließliche FĂ€hrrecht am rechten (hannoverschen) Ufer zugesprochen. Dann erwirkte die Realgemeinde eine einstweilige VerfĂŒgung des Landgerichts in Göttingen, durch welche dem Beklagten die AusĂŒbung des FĂ€hrrechts bis zur vollstĂ€ndigen Erledigung des Rechtsstreites bei hoher Strafe verboten wurde. Diese VerfĂŒgung wurde indessen vom Feriensenat des Oberlandesgerichts in Celle wieder aufgehoben. Das FreifĂ€hrschiff des Herrn Steinmacher trat am anderen Tage wieder in TĂ€tigkeit, und zwar blumengeschmĂŒckt. Doch der Rechtsstreit ging weiter. Herr Steinmacher hatte inzwischen Berufung eingelegt, und nach verschiedenen Vertagungen des Verhandlungstermins wurde im MĂ€rz 1927 in der Berufungsinstanz in Celle verhandelt. Nach erneuter Verhandlung und mehrfacher Vertagung wurde am 26. September 1927 das Urteil verkĂŒndet. In diesem Urteil wurde nun die Berufung des Beklagten Steinmacher verworfen und der Realgemeinde das ausschließliche öffentliche Fahrrecht ĂŒber die Fulda bei Spiekershausen zugesprochen. Also nicht nur auf hannoverscher Seite. Die Kosten des Verfahrens fielen dem Beklagten zur Last.

In dem Urteil wird ausgefĂŒhrt, dass das FĂ€hrrecht Regal (Hoheitsrecht) sei. Als Ausfluss dieses RegalitĂ€tsrechtes (Ausschließlichkeitsrechtes) ist die Verleihung der SpiekershĂ€user FĂ€hre durch Herzog Ernst den JĂŒngeren von Braunschweig vom 16. Januar 1356 an die Kirche zu Landwehrhagen aufzufassen. Dass die hierauf bezĂŒgliche Urkunde z. Zt. nicht aufzufinden ist, beweist nichts gegen ihre Existenz und Echtheit, die vom Gegner angezweifelt wurde. Denn falls Sudendorf, der seinerzeit SekretĂ€r am Archiv zu Hannover und der erste Fachmann auf dem einschlĂ€gigen Gebiet war, irgendwelche wissenschaftliche Zweifel an der Echtheit der Urkunde gehabt hatte, wurde er sie nicht in seine Sammlung aufgenommen haben.

Das Urteil gibt dann eine ausfĂŒhrliche BegrĂŒndung dessen, was in der Regel unter RegalitĂ€t verstanden wir und fĂŒhrt dazu Gerichtsentscheidungen und juristische Kommentare an. Das FĂ€hrregal lĂ€sst nur den eigenen Bedarf der Stromanlieger frei, nicht aber, wenn jemand seine GĂ€ste ĂŒber einen Strom bringt, einerlei, aber er sich dafĂŒr bezahlen lĂ€sst oder nicht.

Der Beklagte Steinmacher wandte sich dann mit einem Antrage an das Reichsgericht, daselbe hat jedoch wegen vollstÀndiger Aussichtslosigkeit abgelehnt.

So ist nun das Urteil rechtskrĂ€ftig geworden. Damit ist einem fast sechs Jahrhunderte alten Recht wieder Geltung verschafft, und durch dieses Urteil ist endlich einem ĂŒber vierzig Jahre nach kĂŒrzeren und lĂ€ngeren Unterbrechungen immer wieder einsetzenden Kampfe nach menschlichem Ermessen ein Ende bereitet und Friede ist im schönen Fuldatal wieder eingekehrt.”